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Pathetische KörperLady Gagas Spiel mit dem FaschismusAndreas Mertin
Jüngst hat sich nun Lady Gaga mit dem auch von Madonna goutierten Modefotografen Steve Klein in diese Tradition eingeordnet. Die amerikanische Trash-Ikone spielt ein wenig mit der Leni Riefenstahl Ästhetik für New Yorker Club-Besucher. Das schwülstige Stück heißt Alejandro und bietet eine beklemmende Mixtur aus der Faszination des Drill und der Ästhetik des Militärs und der zolibatär-verklemmten Irritation des Katholizismus und der Kultur der Homosexuellen.
Inhaltlich lässt sich Lady Gagas Video mit Harald Peters Besprechung in der Welt vom 11.06. mit dem Titel "Wie Lady Gaga bei Leni Riefenstahl kopiert" so fassen: „Das Video zu Lady Gagas neuer Single ‚Alejandro’, einem beschwingten Sommerhit, ließe sich als eine in bläuliches Licht getauchte Leni-Riefenstahl-Vision lesen, in der alle Männer zwar erstklassige Bauchmuskeln haben, dafür aber Tonsur tragen, weswegen Gaga ein mit Stacheldraht umwickeltes Herz vor sich her trägt und beschließt, Nonne zu werden.“
Unbestreitbar lässt sich nun auch Lady Gagas „Alejandro“ als Express-Yourself-Response lesen. Einige Elemente sind direkt übernommen, andere etwas modifiziert. Nur ist das Ergebnis ein völlig anderes. Was immer Madonna in der Vergangenheit angestellt hat, niemals kam der Verdacht auf, sie würde mit faschistischer Ästhetik spielen. Sie zitiert Bilder faschistischer Ästhetik, sie arbeitet damit, aber es ist kein fahrlässiges Spiel. Das sehe ich bei Lady Gagas Video völlig anders. Auch wenn die Fans argumentieren, bei ihr würde schließlich die faschistische Ästhetik in schwule Ästhetik aufgelöst („also wenn man bedenkt, dass zuerst die faschistische Ästhetik überwiegt und dann ganz unverblümt die faschistische sich in schwule Ästhetik auflöst ... dann find ich das … irgendwie geschickt ...), so sehe ich das nicht so, ganz abgesehen von der Ästhetik-Filiation die dann hier betrieben würde. Schon bei Rammsteins Video „stripped“ ist dieser Versuch eine transformativen Aneignung der Riefenstahl-Ästhetik missglückt. Es ist nichts Gutes in diesem Spiel. Wer es wirklich spielen will, der darf keine unreflektierten Club-Spielchen betreiben (wie einst Prinz Harry im Nazi-Kostüm), sondern er muss aufs Ganze gehen und den Betrachter selbst zur Stellungnahme herausfordern. Und die kann dann in keinem Fall lauten: … ist doch alles nicht so schlimm …
Von all dem bei Lady Gaga keine Spur. Es ist und bleibt der Versuch, die Ästhetik des Faschismus einzusetzen, um maximale Aufmerksamkeit zu erzielen so wie in anderen ihrer Videos die Ästhetik des Pulp. Aber das macht auch das Problem aus. Saul Friedländer schreibt in seinem Buch über den Widerschein des Nazismus: „Die Aufmerksamkeit verlagert sich schrittweise von der Evokation des Nazismus selbst, vom Grauen und Schmerz … zu wollüstiger Beklemmung und hinreißenden Bildern, Bildern, die man unentwegt weitersehen will … Mitten in der Meditation erhebt sich ein Verdacht auf Selbstgefälligkeit und Sympathie für das Dargestellte. Eine Grenze ist überschritten worden, und ein Gefühl von Unbehagen kommt auf: Dies ist ein Merkmal des neuen Diskurses.“ Von den drei tragenden Momenten, die Friedländer beschreibt Reiz, Verlangen, Exorzismus kommen bei Lady Gaga nur die ersten beiden zur Geltung: „Der ästhetische Reiz wird ausgelöst durch den Gegensatz zwischen Kitsch-Harmonie und permanenter Beschwörung der Themen Tod und Zerstörung; das Verlangen wird durch Erotisierung der Macht, sder Gewalt und der Herrschaft geweckt, aber gleichzeitig auch durch Darstellung des Nazismus als des Zentrums aller Entfesselungen der unterdrückten Affekte.“ (Saul Friedländer, Kitsch und Tod, München 1986, S. 17). |
Artikelnachweis: https://www.theomag.de/66/am325.htm
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