Videoclips IIIRobbie Williams: DJ Rock oder: La Danse macabreAndreas Mertin |
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Mehr als spektakulär ist der Videoclip zu Robbie Williams Stück "DJ Rock". Zugänglich war er zunächst nur über das Internet, wie der Nachrichtenticker von MTV mit Bedauern feststellen musste: "For the song, Williams has shot an exclusive internet-only video for Rock DJ" (www.robbiewilliams.com). Dass Williams seinen Clip zunächst im Internet veröffentlichte, hatte natürlich seinen Grund, denn als das Video endlich für die Musiksender verfügbar war, wurde es sofort zensiert. Auf der Bildebene sehen wir den Sänger, umgeben von Fans oder Groupies, wie er nach und nach nicht nur das letzte Hemd, den letzten Hautfetzen, sein Herz, ja das letzte Stück blutiges Fleisch preisgibt. So bleibt - ähnlich wie in Michael Jacksons "Ghosts" - schließlich nur noch ein tanzendes Skelett übrig. Die Arten, wie dieser Clip gelesen werden kann, sind vielfältig. Vom Tanzclip zum Splattermovie konnte man lesen, oder eine schonungslose Abrechnung mit der Stilisierung von Rockidolen zu bloßen Fleischbeschaustücken, oder aber auch nur eine weitere Art und Weise mit der Sensationsgier des Publikums zu spielen und ein paar Pressezeilen zu schinden. Denn natürlich greifen sofort alle Medienmechanismen, selbst Robbie Williams weist in seinem Allerheiligsten im Internet darauf hin, dass dieser Clip einigen doch auf die Nerven gehen könnte. Jede dieser Lesarten hat ihr Recht, und doch wird sie sofort von der Performance des Stückes gebrochen. Im Genre des Videoclips ist das Splatter-Motiv zwar ungewöhnlich, im Rahmen der Splatter-Movies ist dieser Videoclip aber harmlos. Für eine Abrechnung mit den Mechanismen einer ihr Material auffressenden Showbranche ist die Ansprache an die Adressaten zu folgenlos (dazu gleich noch mehr), die Inszenierung zu perfekt, der Clip selbst nur ein weiterer Schritt der Entwicklung dessen, was er angeblich beklagt. Und als billige Effekthascherei wird man ihn auch nicht ansehen können, zu hoch ist das Risiko, mit dieser Art der Visualisierung über die konventionalisierten Grenzverletzungen hinauszuschießen. Bleibt also nur, ihn einzuordnen in die Geschichte einer Auseinandersetzung mit den Tod und dem Grauen, die immer schon auf der Grenze von Aufklärung und Schauer gearbeitet hat, und die aktuell in der Monsterschau "Körperwelten" fröhliche Urständ feiert. "Das Bild des Todes" im 15. Jahrhundert beschreibt Johan Huizinga in einem Kapitel seines legendären "Herbst des Mittelalters". Wer seinen Ausführungen folgt, wird hier einen Ursprung der Darstellungen des Videos erkennen. Huizinga verweist auf das auch von Umberto Eco in "Der Name der Rose" verwendete Zitat des Odo von Cluny: "Die Schönheit des Körpers besteht allein in der Haut. Denn wenn die Menschen sähen, was unter der Haut ist, wenn sie so ... das Inwendige sehen könnten, würden sie sich vor dem Anblick der Frauen ekeln. Ihre Anmut besteht aus Schleim und Blut, aus Feuchtigkeit und Galle ... Und wenn wir nicht einmal mit Fingerspitzen Schleim oder Dreck anrühren können, wie können wir dann begehren, den Drecksbeutel selbst zu umarmen." Man muss nur das Wort "Frauen" durch "Stars" ersetzen und wäre schon bei einer höchst interessanten Lesart des Clips. Über die Entwicklung des Danse macabre kann man bei Huizinga viel lernen, was produktiv in der Lektüre von Rock DJ anzuwenden wäre. Wie gesagt bin ich erst nachträglich auf das Motiv des Lachens gestoßen, als ich auf der Suche nach konkreten Rezeptionen des Clips war. Meine Frage war: Wie reagieren die Jugendlichen auf dieses Video ihres Idols, welche Kommentare geben sie ab, mit welchen Begriffen versuchen sie es zu verstehen? Eine mögliche Lesart wäre ja die, den Clip konkret auf das Idol-Fan-Verhältnis zu beziehen, dass also das Begehren der Fans dem Idol sozusagen bei lebendigem Leibe die Haut abzieht. Bei der Suche stieß ich auf eine deutsche Fanseite von Robbie Williams. Wer möchte, kann die hier in Auszügen abgedruckte Diskussion und ihre Fortsetzung im Internet nachlesen. Die zitierten Emails stammen aus der Zeit der Präsentation des Clips zwischen dem 11. und dem 29. Juli 2000. Eröffnet wird die Diskussion vom Webmaster der Fan-Homepage, der das Thema auf die Tagesordnung setzt. Was zunächst auffällt, ist das Medienecho, das die konkrete Rezeption erst in Gang setzt. Nicht von sich aus, sondern weil RTL ihn anruft, setzt sich der jugendliche Webmaster der Fanseite mit dem Clip auseinander und stellt sich die Frage nach der Beurteilung. Zudem gibt das fragende Medium die Beurteilungstendenzen gleich vor (blutrünstig, Zensur). Noch zweimal treten die Medien in dieser Diskussion direkt auf, zum einen meldet sich ein Mitarbeiter von RTL, der auf weitere Sendungen zum Clip verweist und zum anderen wird ein Email der Zuschauerredaktion von VIVA zitiert, in dem diese die mit der Plattenfirma von Robbie Williams vereinbarten Zensurmaßnahmen bekannt gibt. Das zweite Auffällige ist das Lachen und der Rekurs auf den Humor, welche eine Vielzahl der Rückmeldungen durchziehen. "Ich selbst musste lachen" - "etwas anderer Sinn für Humor" - "musste richtig lachen ... kenne keinen der einen so fantastischen Humor hat" - "fand es eher belustigend" - "bewundere seinen Humor" - "Spaß" - "sauwitzig ... nicht ernstgemeint". Offensichtlich wird das Video semantisch nicht ernst genommen, bzw. als Humoreske dekodiert, ohne dass genau deutlich würde, worauf sich diese Lesart stützt. Die Fans verweisen nur darauf, dass das wieder mal "typisch" für Robbie sei. Darüber hinaus werden einige zum Teil naheliegende Vergleichsebenen benannt: gleich mehrfach die Nachrichten, welche weitaus blutrünstiger und gewaltsamer seien, denn das Blut, das dort fließe, sei schließlich echt. Der Vergleich ist natürlich falsch, denn dem Video vergleichbare Szenen wird man in den Nachrichten nicht finden. Interessant ist die Differenzierung nach Echtheit: gleich zweimal wird darauf hingewiesen, dass es sich beim Clip doch nur um Schein handele, im Gegensatz zu echten Nachrichten. Weitere Vergleichspunkte sind die Anzeigen von Benetton, die Ausstellung "Körperwelten" mit ihren plastinierten Leichen, und schließlich die Horrorfilme im Kino. Soweit bei den Fans Irritationen wahrnehmbar sind, zielen sie in einem zweifachen Sinn auf Konventionalisierung: zum einen warten sie auf die Erklärung der "offiziellen" Lesart des Clips durch den Sänger, zum anderen setzen sie auf den Gewöhnungseffekt: "Ich bin mir noch nicht so sicher, wie ich das Videi finden soll ... eklig finde ich es trotzdem" - "Ich glaube bald wird er damit rausrücken was er damit sagen will" - "Beim ersten mal musste ich zwar fast kotzen aber beim zweiten mal hat es 5000 mal mehr Spaß gemacht es anzugucken wie er sich die Haut runterreißt ... Guckt es euch mehrmals an dann findet ihr es garnicht mehr soooo schlimm." - "ich kann mir sowas grade noch ansehen". Sorgfältig wird offensichtlich zwischen verschiedenen Phasen des Clips differenziert. Auch wem der blutige Schluss nicht gefällt, findet zumindest die Entkleidungsszene noch hip: "Außerdem finde ich den Anfang ziemlich sexy... ;-)" - "Ganz zu schweigen davon, wie er aussieht, bevor er sich die Haut abzieht...lecker!!!" - "Den Anfang finde ich dafür umso sexier....er hat richtig was für seine Figur getan in letzter Zeit". Natürlich gibt es noch manche andere Auffälligkeit in der Diskussion, wie etwa der typische Medienmythos des 7jährigen Mädchens, das nach dem Konsum des Videos ins Krankenhaus musste, oder das Lob der Medienstrategie von Robbie Williams: "Ich finde es einfach cool wie R.W. dauernd die Leute verarscht und macht was ihm gefällt..." Interessant bleibt aber auch, dass die Fans den eigentlichen Gehalt des Clips nahezu überhaupt nicht thematisieren. Die Frage, warum Robbie Williams sich eigentlich die Haut bei lebendigem Leibe abzieht und hinterher nur noch als Skelett dasteht, wird - wie schon erwähnt - auf den Sänger zurückverwiesen: "Ich glaube bald wird er damit rausrücken was er damit sagen will" (eine geradezu apokalyptisch - prophetische Redefigur). Deutungsarbeit gehört jedenfalls nicht zu den Stärken der Fans. Ihre Antwort lautet nur: Warum eigentlich nicht? Jedenfalls ist dieser Danse macabre der Popkultur der Gegenwart, der etwas kokett zeigt, wie einer "für etwas seine Haut zu Markte trägt", und dabei nicht "mit heiler Haut davonkommt", ein interessantes offenes Kunstwerk, das vielfältige Lesarten generiert und ermöglicht.
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