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Magazin für Theologie und Ästhetik


Unwillkürlich zum Buddhisten geworden

Anmerkungen zur Buddhismus-Reflexion bei Richard Wagner

Gabriele Hofmann

Einführung

Sowohl Schriften Richard Wagners als auch Cosima Wagners Tagebücher weisen Denkansätze des Komponisten über den Buddhismus und insbesondere über den Reinkarnationsgedanken auf. Diese Abhandlung zeigt derartige Passagen auf und beleuchtet die Werke "Der fliegende Holländer" und Parsifal" hinsichtlich ihrer Prägung durch diesen philosophischen Gedankenansatz.

Ein Musiker mit religionsphilosophischem Blick

Richard Wagner widmete sich zeit seines Lebens mit Enthusiasmus der Philosophie. Hiervon zeugen einerseits Cosima Wagners Tagebücher und Wagners Autobiographie "Mein Leben", andererseits trat der Künstler selbst in vielen seiner Schriften mit philosophischen Gedanken in die Öffentlichkeit. Äußerste Beachtung sei der Tatsache geschenkt, dass sein Opernschaffen diese Ideen widerspiegelt, wobei ein gegenseitiges Durchdringen von Werkkonzeptionen und Aufsätzen nicht nur nahe liegt, sondern auch tatsächlich in den verschiedenen Schaffensphasen nachvollziehbar ist.

Im Rahmen seiner religionsphilosophischen Studien war es auch immer wieder der Buddhismus, der Wagners Interesse erweckte. Nicht zuletzt boten ihm die Schriften Schopenhauers manche Anregung zur Auseinandersetzung mit der buddhistischen Denkweise, so dass auch die Reinkarnationsidee immer wieder in seinen gedanklichen Auseinandersetzungen Präsenz erlangte.

Wagners Werk ist von Ansätzen durchzogen, die in diese Richtung deuten, doch häufig wird der religiöse Gehalt vor allem seines letzten Werkes "Parsifal" ausschließlich auf das Christentum bezogen. So scheint die Karfreitagsmystik in "Parsifal" geradezu als das Beispiel für ein christliches Glaubensbekenntnis schlechthin zu dienen. Es gibt zudem etliche Äußerungen über den Mythos bei Wagner, über die mythischen und auch über die mystischen Elemente, jedoch immer mit dem Blick darauf, dass wir hier einen Künstler abendländischer Gesinnung vor uns haben. Verschiedene Quellen bieten dagegen einen Nachweis für Wagners Beschäftigung mit buddhistischem Gedankengut.

Sein 1856 im Prosaentwurf fertiggestelltes Drama "Die Sieger", in dem er sich mit der buddhistischen Lehre auseinandersetzt, wurde nie musikdramatisch umgesetzt, obgleich er sich noch Jahre danach mit dem Gedanken trug. Das Sujet der "Sieger" dokumentiert sich selbst eindeutig als ein Werk über den Buddhismus, weshalb es in diesem Rahmen nicht besprochen werden soll.

Hier sollen andere Quellen herangezogen werden. So finden sich in Cosima Wagners Tagebüchern Informationen wie "Abends sprachen wir noch über Brahmanismus und Buddhismus." (CT I, 399; 13. Juni 1871) In der Tagebuchaufzeichnung vom 27. September 1882 heißt es: "Nachts war er [R.W.] ein Mal auf und las im Buche 'Buddha'(1) [...] Wir sprechen fast immer vom Buddha." (CT IV, 1007) Die Tagebuchnotiz vom 1. Oktober 1882 vermittelt Wagners Meinung, dass der Buddhismus "von einer außerordentlichen jugendlichen Kraft des menschlichen Geistes zeuge", die "nicht unähnlich dem Zustand [sei], in welchem die Sprache erfunden worden sei." (CT IV, 1012) Ferner zog Wagner einen Vergleich zwischen Christentum und Buddhismus. Cosima berichtet über Wagners Nachdenken bezüglich der Christuserscheinung, es sei "ihm [R.W.] klargeworden, dass das, was sie unterschiede, eben die Sündenlosigkeit sei, auch was sie so rührend in ihrem Erbarmen mache. Alle anderen Stifter und Heilige, wie z.B. Buddha, beginnen mit der Sünde und gelangen dann zur Heiligkeit, Christus aber kann nicht sündigen." (CT III, 347 f.; 12. Mai 1879) Ein Brief Wagners an Mathilde Wesendonck gibt weiteren Aufschluss über sein Nachdenken über die Wiedergeburt: "Nach dem Gesetz des allerherrlichst-vollendeteten Buddha beichtet der Belastete vor der Gemeinde laut seine Schuld, und damit allein ist er entlastet. Sie wissen, wie ich unwillkürlich zum Buddhisten geworden bin."(2)

Es ist anzunehmen, dass Wagners Verhältnis zum Buddhismus sein Werk mehr als nur oberflächlich beeinflusst hat. Einige Textstellen und Zusammenhänge in Wagners Opern lassen sich von dieser Seite aus, und vor allem unter Berücksichtigung der Reinkarnationsidee, am besten in einen Gesamtkontext stellen, zudem Wagner selbst in einem Brief an Mathilde Wesendonck im Jahre 1860 äußerte: "Nur die tiefsinnige Annahme der Seelenwanderung konnte mir den trostreichen Punkt zeigen, auf welchen endlich alles zur gleichen Höhe der Erlösung zusammenläuft, nachdem die verschiedenen Lebensläufe, welche in der Zeit getrennt nebeneinander laufen, außer der Zeit sich verständnisvoll berührt haben. Nach der schönen buddhistischen Annahme wird die fleckenlose Reinheit des Lohengrin einfach daraus erklärlich, dass er die Fortsetzung des Parzifals - der die Reinheit sich erst erkämpfte - ist. Ebenso würde Elsa in ihrer Wiedergeburt bis zu Lohengrin hinanreichen. Somit erschien mir der Plan zu meinen 'Siegern' als die abschließende Fortsetzung von Lohengrin. Hier erreicht 'Sawitri' (Elsa) den 'Ananda'(3) vollständig. So wäre denn alle furchtbare Tragik des Lebens nur in dem Auseinanderliegen in Zeit Und Raum zu finden: da aber Zeit und Raum nur unsre Anschauungsweisen sind, außerdem aber keine Realität haben, so müsste dem vollkommen Hellsehenden auch der höchste tragische Schmerz nur aus dem Irrtum des Individuums erklärt werden können: ich glaube, es ist so!"(4)

Wagners Beschäftigung mit dem Reinkarnationsgedanken geht auch aus einer seiner Schriften hervor, die aus dem Jahre 1880 stammt: "... wogegen die Lehre der Brahmanen ausschließlich den 'Erkennenden' nur angehörte, weshalb die 'Reichen am Geiste' die in der Natürlichkeit haftende Menge als von der Möglichkeit der Erkenntnis ausgeschlossene und nur durch zahllose Wiedergeburten zur Einsicht in die Nichtigkeit der Welt gelangende, ansahen. Dass es einen kürzeren Weg zur Heilsgewinnung gäbe, zeigte dem armen Volke der erleuchtetste Wiedergeborene selbst: nicht aber das erhabene Beispiel der Entsagung und unstörbarsten Sanftmut, welches Buddha gab, genügte allein seinen brünstigen Nachfolgern; sondern die letzte große Lehre der Einheit alles Lebenden durfte seinen Jüngern wiederum nur durch eine mythische Erklärung der Welt zugänglich werden, deren überaus sinniger Reichtum und allegorische Umfasslichkeit immer nur der Grundlage der von staunenswürdigster Geistesfülle und Geistesbildung getragenen brahmanischen Lehre entnommen ward. Hier war es denn auch, wo im Verlaufe der Zeiten und im Fortschritte der Umbildung nie die eigentliche Kunst zur erklärenden Darstellung der Mythen und Allegorien heranzuziehen war; wogegen die Philosophie dieses Amt übernahm, um, mit deren von feinster Geistesbildung geleiteten Ausarbeitung, den religiösen Dogmen zur Seite gehen."(5)

Sehnsucht nach dem Einssein

Die Idee von der "Einheit alles Lebenden", vom Eins-sein und der Ganzheit begleitete Wagner wohl sein Leben lang, doch insbesondere in der Zeit der Tristan-Entstehung hat sie an Bedeutung zugenommen. Die Hoffnung auf Erlösung, auf Erlangen des "trostreichen Punktes, auf welchem endlich alles zur gleichen Höhe der Erlösung zusammenläuft", dort, wo eine Vereinigung der "verschiedenen Lebensläufe, welche in der Zeit getrennt nebeneinander laufen" stattfindet, und somit sich schließlich "außer der Zeit"(6) berühren, zieht sich merklich bis zum Parsifal hin, mit dem Wagner sein Lebenswerk vollendet hat, und mit dem er für sich gewissermaßen das erkämpfte, was sein Held Parsifal zu erkämpfen imstande war: Die Bewusstseinsstufe, nach der Lohengrin möglich ist.(7)

Die Annahme liegt nahe, dass Wagners Sehnsucht - die wohl im Tristan ihren intensivsten Ausdruck findet - jene zurück zum Ur-Zustand ist, zum Nichtgespaltensein, was auch durchaus im platonischen Sinne begriffen werden kann.(8) Es scheint sich somit um eine Abspaltung aus der angenommenen Ur-Einheit zu handeln; ob man nun den Glauben an eine Präexistenz der Seele, die sich durch den Eintritt in die irdische Welt der mit unseren Sinnen wahrnehmbaren Erscheinungen von der göttlichen Einheit abspaltet, im Falle Wagners annehmen kann, sei dahingestellt, jedenfalls scheint doch der von Wagner als "tiefsinnig" bezeichnete Gedanke der Seelenwanderung mit der von ihm als "trostreichen Punkt" benannten Folge der Erlösung nicht christlich geprägter Natur zu sein, da sonst die Seele unabdingbar als Kreatur des Göttlichen angenommen werden müsste, was dem Gedanken der Wiedervereinigung entgegensteht.

Wagners Aussage, dass Lohengrin die Fortsetzung Parsifals sei, "der die Reinheit sich erst erkämpfte", ist ein weiterer Hinweis auf seine Vorstellung von dem Weg, den der Mensch gehen muß, um Erlösung finden zu können. In diesem Sinne wäre Parsifal, der auf "der Irrnis und der Leiden Pfade" (P III) zum Gral gelangt, die Vorstufe zu Lohengrin, der diese Pfade schon siegreich überwunden hat.

Wagners Hinweis "Ebenso würde Elsa in ihrer Wiedergeburt bis zu Lohengrin hinanreichen"(9) beinhaltet offensichtlich seinen Glauben, dass für jeden Menschen das Erlangen des wie auch immer gearteten Heils (symbolisiert durch den Gral) möglich ist, - und sei es durch Reinkarnationen. Wer noch nicht zu den "Erkennenden" gehört, bedarf zahlloser Wiedergeburten, um sein Heil zu finden.(10)

Spuren, die auf Wagners Auseinandersetzung mit dem Wiedergeburtsgedanken hindeuten, finden sich auch in den Werken "Der fliegende Holländer" sowie "Parsifal".

"Der fliegende Holländer" und "Parsifal"

Der Holländer ist Symbol für den umherirrenden, leidenden, sich auf der Suche befindenden Menschen; das Treiben auf dem bewegten Meer symbolisiert das unstete, Veränderungen unterworfene Leben in der mit unseren Sinnen wahrnehmbaren Welt. Gleichzeitig bringt es die Stagnation zum Ausdruck, da ein willkürliches Verlassen dieses Lebensraumes nicht im Bereich des Möglichen liegt. Der Holländer, der scheinbar durch einen Fluch zum Umherirren verurteilt ist, unterliegt aber doch im Grunde genommen nur dem durch das Gesetz des Werdens entstandenen Drang, sich notwendigerweise zu vervollkommnen und die Erlösung zu finden. So ist es also das Schicksal des Menschen schlechthin, fluchbeladen als Wanderer durch das irdische Leben zu schreiten, und ständig - leidend und umhergetrieben - den Weg zur Erlösung zu suchen, der sich im Falle des Holländers durch eine Frau auftun würde, die ihm bis zum Tod die Treue hält. Der Holländer sucht in Abständen von sieben Jahren das Land auf ("Die Frist ist um, und abermals verstrichen sind sieben Jahr'!") (H I), wo ihm stets erneut die Möglichkeit geboten wird, die Erlösung zu finden.

Wagners Beschäftigung mit dem Holländer-Stoff mutet wie eine ständige, noch nicht ganz zielgerichtete Auseinandersetzung mit dem Wiedergeburtsgedanken an, die zu späteren Zeitpunkten, wie beispielsweise im Drama "Die Sieger", konkretere Gestalt annehmen sollte.

Zumindest ist der siebenjährige Zyklus des "Auf-das-Land-Zurückkehrens" der Holländer-Figur auf dem Hintergrund der zitierten Briefe und Äußerungen Wagners unschwer als mögliches Symbol für immer wieder stattfindende Inkarnationen zu erkennen, da nur in der irdischen Welt der Erscheinungen eine Vervollkommnung stattfinden kann, nur durch Leid und Enttäuschungen der Weg zur Erlösung gefunden werden kann.

Auch Parsifal kann als Symbolfigur für das nach Vervollkommnung strebende Individuum gesehen werden. Er schreitet durch die Zeiten, um im irdischen Dasein auf der "Irrnis und der Leiden Pfade" den Gral, die Erlösung zu finden, dort, wo die Zeit zum Raum wird.(11) Parsifal - anfänglich der reine Tor - wird von Gurnemanz zu dem Weg geleitet, an dessen Ende sich ihm der Gral offenbaren wird. Die Antwort Gurnemanz' auf Parsifals Verwunderung zum Ausdruck bringende Aussage "Ich schreite kaum, doch wähn' ich mich schon weit" lautet: "Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit." (P I) Man könnte Gurnemanz als den Weisen bezeichnen, der sich auf einer höheren Bewusstseinsebene befindet und somit Parsifal als "Lehrmeister" oder geistiger Führer dienen kann.

Parsifals Begegnung mit Kundry hingegen ist eine Konfrontation mit Sinnlichkeit und mit der "Mutter" gleichermaßen. Kundry nennt Parsifal beim Namen, so wie ihn "träumend einst die Mutter" (P II) nannte. Sie gibt ihm den Kuss, der die entscheidende Wende im zweiten Aufzug auslöst, - den Kuss, der gleichsam die Aspekte Mütterlichkeit und Sinnlichkeit konjugiert und in Parsifal die Wunde des Amfortas entbrennen lässt, - den Kuss, der ihn "welthellsichtig" (P II) macht. Das Mitleid - eine Stufe zum Erlangen der Erlösung - tritt durch die Konfrontation mit dem Eros ein; der Eros stellt die Schwelle zwischen Leben und Tod dar, Hüterin dieser Schwelle ist Kundry. In der Konfrontation mit ihr werden in Parsifal Erinnerungen an die Mutter hervorgerufen, andererseits wird ein Bewußtsein für das Leid ("Amfortas! -- / Die Wunde! - Die Wunde! - / Sie brennt in meinem Herzen. -") (P II) ausgelöst. Aus Parsifals emotionaler Desorientierung, die aus dem Verwobensein von sinnlicher Begierde, Erinnerungen an die Mutter (Herzeleide!) und Wahrnehmen der Amfortaswunde entsteht, kristallisiert sich das Mit-Leid heraus. Das Schicksal von Titurel und Amfortas kann symbolisch als Parsifals Schicksal in früheren Leben gesehen werden, gewissermaßen als Vorführung der Verirrungen auf den Pfaden des Lebens.

Parsifal, der Unwissende, bezeugt viele Namen gehabt zu haben, doch ihrer keinen mehr zu wissen. (Gurnemanz: "Dein Name denn?" - Parsifal: "Ich hatte viele, doch weiß ich ihrer keinen mehr." (P I) Hier bliebe zu erörtern, ob ein Leben ausreicht, um so viele Namen zu haben oder ob nicht nur mehrere Leben dies herstellen und das, was wir als Tod bezeichnen, diese vergessen macht und Wagner - hier mag der Bezug zu den reflektierten Gedanken über den Buddhismus in den oben erwähnten Wesendonck-Briefen deutlich werden - dies damit zum Ausdruck bringen wollte.

Ebenso bringt Wagner die Wiedergeburt ins Spiel, wenn er Gurnemanz Kundrys Existenz folgendermaßen bewerten lässt:

"Ja eine Verwünschte mag sie sein.
Hier lebt sie heut' -
vielleicht erneut,
zu büßen Schuld aus früh'rem Leben,
die dort ihr noch nicht vergeben. (P I)

Kundry selbst offenbart sich Parsifal im zweiten Aufzug, indem sie den Fluch benennt, der sie

"durch Tod und Leben,
Pein und Lachen,
zu neuem Leiden neu gestählt,
endlos durch das Dasein quält! - (P II)

Sie wandert "von Welt zu Welt" (P II), wird immer wieder in ein neues Dasein geworfen. Wagner behauptet, "den Liebestod Isolden's hat Kundry bereits hundertfach in ihren verschiedenen Wiedergeburten durchgemacht." (CT IV, 1002, 14. September 1882)

Gurnemanz führt Parsifal zur Gralsburg - dies ist wohl als innerer seelischer Vorgang Parsifals zu betrachten. Der Weg führt durch Raum und Zeit, also durch die Welt, die wir in ihrer raum-zeitlichen Erscheinung mit unseren Sinnen wahrnehmen können, und führt schließlich in den alle Dimensionen auflösenden Zustand; er führt zum Gral, der letztendlich Symbol für den Zustand der Erlösung ist. Gurnemanz ist Parsifals Wegweiser, er vertritt das Prinzip des Logos, Kundry symbolisiert das mystisch Weibliche. Die Koinzidenz beider Aspekte offenbart dem suchenden Parsifal den Weg und macht ihm die Festungsmauern der Gralsburg überwindbar.

Von Kundry, die Wagner als "wunderbar weltdämonisch"(12) bezeichnet, erfahren wir, dass sie von einem Fluch "im Todesschlafe" (P II) gehalten wird. Sie symbolisiert für Wagner den im Dunkel verharrenden Menschen, der (noch) nicht vom Zwang ständiger Inkarnationen befreit ist.(13) Sie sehnt sich nach dem Göttlichen, nach der Einheit. Sie sehnt sich nach der Erlösung, danach, nicht mehr "durch Tod und Leben" (P II) endlos durch das Dasein gequält zu werden. Sie unterliegt dem Fluch des Suchenmüssens ebenso wie der Holländer. Sie ist von "Welt zu Welt" (P II), quasi von Leben zu Leben dazu verbannt, "ihn"(14) zu suchen. Das Moment des Suchenmüssens findet in Wagners Schaffen in "Parsifal" - in den Figuren Parsifal und Kundry - seinen Höhepunkt. Solange die Suche erfolglos bleibt ist die Wanderschaft nicht beendet, die Wiedergeburt in ein neues Dasein ist vorbereitet.

Immer wieder Buddha

Am 6. Januar 1881 äußert Wagner gegenüber Cosima: "Wenn Du mich gut hältst, gut kleidest, gut nährst, dann komponiere ich doch noch 'Die Sieger'." (CT IV, 659) Wagner hatte sich somit bis zur Endphase der Parsifal-Entstehung die Perspektive für eine musikdramatische Umsetzung der buddhistischen Geisteswelt bewahrt. Wenngleich es zur Ausführung dieses Planes nicht mehr kam, so hat doch das Thema "Buddhismus" offensichtlich noch in Wagners beiden letzen Lebensjahren regen Gesprächsstoff zwischen ihm und Cosima Wagner geboten.

Tagebuchaufzeichnungen Cosimas, wie die folgenden, lassen eine nochmals intensivierte Auseinandersetzung mit dem Buddhismus erkennen: "Wir beschließen diesen Tag wiederum mit Erwägung von Christentum und Buddhismus!" (CT IV, 1009; 28. September 1882) oder "Abends teilt er [R.W.] uns mit aus dem Buche, welches er jetzt liest, dass Buddha die Kranken und Krüppel nicht aufnahm, 'es klingt zuerst sehr hart, und doch liegt ein tiefer Sinn darin, eine große Weisheit darin; da alles in der Ertötung der Begierde liegt, können diejenigen nicht aufgenommen werden, deren Krankheit die Begierde selbst versagt'." (CT IV, 1011; 30. September 1882) und "'R. spricht dann zu Stein und mir über das Buch über Buddha, welches er sehr lobt als viel bedeutender als das von Köppen.(15) Den Buddhismus selbst erklärt er für eine Blüte des menschlichen Geistes, gegen welche das darauf Folgende Decadence sei, gegen welche wiederum auf dem Wege der Kompression das Christentum entstanden sei." (CT IV, 1012; 1. Oktober 1882)

Am 3. Oktober 1882 schreibt Cosima im Tagebuch von einem Krampf-Anfall Wagners, der ein Herbeirufen des Arztes Dr. Strecker notwendig machte. Gleichzeitig schreibt sie "Er [R.W.] liest in 'Buddha', fühlt sich aber den ganzen Tag unwohl!" (CT IV, 1014).

Am folgenden Tag hat Wagner das Buch über Buddha beendet und liest für Cosima "daraus den Passus über die Taten, dass auch diese der Endlichkeit angehört[en] und dass der Atman(16) darüber erhaben ist. (CT IV, 1015) [Ergänzung in Klammern von den Herausgebern der Tagebücher]

Aus der Tagebuchaufzeichnung vom 14. Oktober 1882 geht eine Äußerung Wagners gegenüber Cosima über seine Unfähigkeit einer Komposition des Buddha-Sujets hervor, da ihm "die Bilder - Mango-Baum, Lotos-Blume etc. -[...] ungeläufig seien, daher auch die Dichtung künstlich ausfallen müsste". (CT IV, 1024) Tatsächlich könnte es die Prägung durch die abendländische Tradition gewesen sein, die in Wagner Zweifel über seine diesbezüglichen Fähigkeiten aufkommen ließ. Hieraus wären auch die Verknüpfungen christlicher und buddhistischer Elemente beispielsweise in "Parsifal" zu erklären: Der christlich geprägte Künstler unternimmt eine Gratwanderung zwischen Christentum und Buddhismus.

Am 20. Oktober 1882 ist eines der letzten Buddhismus-Gespräche von Cosima dokumentiert (CT IV, 1027), es geht um das Wesen der Tiere und Menschen. Sechs Tage später stimmt Wagner Cosimas Meinung zu, dass Kleists Neigung zum Selbstmord im Falle seiner Kenntnis von Buddhas und Schopenhauers Lehre gewichen wäre. (CT IV, 1034; 26. Oktober 1882)

Wagners Weg im Bereich der buddhistischen Gedankenwelt begann mit ersten Auseinandersetzungen mit Schopenhauers Lehre, brachte die Prosafassung des Dramas "Die Sieger" hervor sowie Eintragungen ins "Braune Buch" wie

"Wahrheit = Nirwana = Nacht
Musik = Brama = Dämmerung
Dichtkunst = Sansara = Tag."(17)

Seine Suche soll mit einer laut Cosima von ihm häufig zitierten Buddha-Weisheit beschrieben sein: "Nicht das Warum, noch von wo und wohin". (CT IV, 1027)


Anmerkungen und Quellen

Nirwana bedeutet Erlöschen, verwehen.

Bra(h)ma(n) ist die Weltseele, magische Kraft der indischen Religion; das schöpferische Weltprinzip, aus dem alles entsteht und in das alles mündet.

Sansara (auch Samsara) ist der endlose Kreislauf von Tod und Wiedergeburt, aus dem die indischen Erlösungsreligionen den Menschen zu befreien suchen.

Nähere Erläuterungen zu den Begriffen finden sich in: G. Schischkoff (Hg.), Philosophisches Wörterbuch, Stuttgart 1978.

Zur Zitierweise

Zitate aus den Libretti werden folgendermaßen gekennzeichnet:

H: Der fliegdende Holländer
P: Parsifal
T: Tristan und Isolde

Die nachfolgende römische Ziffer weist auf den entsprechenden Aufzug hin.

Aufzeichnungen aus den Tagebüchern Cosima Wagners werden nach der TB-Ausgabe des Piper-Verlags zitiert (Hg. Martin Gregor-Dellin und Dietrich Mack, München 1982) und folgendermaßen gekennzeichnet:

Abkürzung: CT

Römische Ziffern verweisen auf den Band, arabische Ziffern auf die Seite. Danach erfolgt die Datierung, sofern sie nicht schon zuvor im Textzusammenhang angegeben wurde.


  1. Cosima Wagner bezieht sich hier auf das Buch "Buddha, sein Leben, seine Lehre, seine Gemeinde" von Hermann Oldenberg, Berlin 1881
  2. Wagner, R., Brief an Mathilde Wesendonck, Venedig 22. Februar 1859, in: W. Golther (Hg.), "Richard Wagner an Mathilde Wesendonk", Tagebuchblätter und Briefe 1853-1871, Leipzig 1922, S. 154
  3. Ananda bezeichnet zum einen Buddhas Vetter und Lieblingsmönch, zum anderen bedeutet es wörtlich: Seligkeit, Freuden, höchste Wonne. Vgl. hierzu J. Lehmann, Buddha - Leben, Lehre, Wirkung, München o.J., S. 327
  4. Wagner, R., Brief an Mathilde Wesendonck, Paris Anfang August 1860, in: H. Kesting (Hg.), Richard Wagner - Briefe, München, Zürich 1983, S. 423
  5. Wagner, R., "Religion und Kunst" in M. Gregor-Dellin, Richard Wagner - mein Denken, München 1982, S. 363
  6. Siehe Anmerkung (4)
  7. Es handelt sich hierbei nicht um ein Nacheinander, das auf die Chronologie des Wagnerschen Werkschaffens bezogen ist, sondern um verschiedene Bewusstseinsebenen.
  8. Aus den Tagebüchern Cosima Wagners geht hervor, dass sich Wagner der Lektüre des Symposions widmete, weshalb seine Kenntnis des Androgynenmythos vorausgesetzt werden kann.
  9. Siehe Anmerkung (4)
  10. Siehe Anmerkung (5)
  11. Vgl. Anmerkung (4): "... außer der Zeit sich verständnisvoll berührt haben."
  12. Wagner, R., Brief an Mathilde Wesendonck, Venedig 20. Dezember 1858, in: H. Kesting (Hg.), Richard Wagner - Briefe, München, Zürich 1983, S. 374
  13. Siehe auch Quelle (5): "nur durch zahllose Wiedergeburten"
  14. Kundry erinnert sich - so die gängige Interpretation dieser Textstelle - des Heilands, den sie einst am Kreuz verspottete. Eine Verbindung der christlichen Elemente Kreuz und Heiland mit dem Buddhismus findet dadurch statt, dass Kundry in jedem Leben den Heiland suchen muß, um endlich Erlösung zu erlangen und sterben zu können, also von ständigen Wiedergeburten befreit zu werden. Tristans "vor Sehnsucht nicht zu sterben" (T III) liegt auf dieser Ebene.
  15. F. Köppen, Die Religion des Buddha und ihre Entstehung, 2 Bde., Berlin 1857-59
  16. Atman bedeutet das Ewige, das Selbst, das Ich. Vgl. J. Lehmenn, Buddha - Leben, Lehre, Wirkung, München o.J., S. 328
  17. Wagner, R., Das Braune Buch, Tagebuchaufzeichnungen 1865-1882, Hg. J. Bergfeld, München 1988, S. 176

© Gabriele Hofmann 2001
Magazin für Theologie und Ästhetik 10/2001
https://www.theomag.de/10/gh1.htm