Ich fokussiere mich in dieser Kolumne, das Projekt Netzteufel der Evangelischen Akademie Berlin als Anregung aufgreifend, auf Meldungen und Leserkommentare der Plattformen idea und kath.net. Weiterhin bleibt diese Kolumne eine ironische und satirische Kolumne. Auch wenn ich die Kritisierten beim Wort nehme, kann ich sie dennoch nicht ernst nehmen. Sie sind und bleiben ein Element der Kategorie Realsatire.


Faktencheck: 3x daneben

Auf kath.net ereifert sich Martin Lohmann über die aus den Fugen geratene Gesellschaft. Unter der Überschrift „Alles, was Katholiken heilig ist, wird in den Dreck gezogen“ benennt er drei „Dicke Hunde“ der letzten Zeit.

Und liefert gleich eine etwas unbeholfene Etymologie der Formel:

Diese Bezeichnung ist längst eine Beleidigung für jeden Hund. Denn diese sind in der Regel treu und fernab von giftiger Pseudologik. Ein Hund ist kein Experte für Falschheit und Selbstbetrug.

Das wird es sein, der Hund ist treu und gut. Weshalb auch der Psalmist betet: Denn Hunde haben mich umgeben, und der Bösen Rotte hat mich umringt … Errette meine Seele vom Schwert, mein Leben von den Hunden! (Psalm 22). Es hängt eben von der Perspektive ab, ob man Wohlstandsbürger des 21. Jahrhunderts (aber auch da gibt es kindertötende Kampfhunde) oder Bewohner eines von Wildhunden geplagten Dorfes ist. Auch in der Bibel ist der Hund sprichwörtlich, etwa in Sprüche 26, 11: „Wie ein Hund wieder frisst, was er gespien hat, so ist der Tor, der seine Torheit immer wieder treibt.“ Und damit sind wir auch schon beim Thema, bei dem Narr und den Narren.

In seiner Rosendienstags-Narrenrede auf kath.net liest man sinnbefreite Sätze wie folgende:

Die vielen „Dicken Hunde“ katapultieren in Studienzeiten, in denen man beobachten kann, wie Hetze, Propaganda und Agitation wirken.

Ich vermute er meint, dass die Ärgernisse sich in zugespitzten Zeiten häufen, aber das sagt er nicht. Ich weiß nicht, was im rheinischen Karneval „Studienzeiten“ sind, das Wörterbuch versteht darunter die Zeit des Studiums. „Katapultieren“ dagegen bedarf immer eines aktiven Auslösers und eines Hilfsmittels (dem Katapult), anders als die Explosion. Wie freilich „Dicke Hunde“ katapultieren, bleibt dem Narren überlassen [In Bulgarien gibt es freilich den barbarischen Akt des Hundeschleuderns].

Drei „Dicke Hunde“ benennt Lohmann:

1. Die Stunksitzung
Karneval ist historisch die auf eine begrenzte Zeit stattfindende Inversion der ansonsten herrschenden Machtverhältnisse. „Die Sklavin ist der Herrin gleichgestellt und der Sklave an seines Herrn Seite. Die Mächtige und der Niedere sind gleichgeachtet“ – so heißt es schon bei einem der historischen Vorgänger des Karnevals in Mesopotamien im 3. Jahrtausend vor Christus. Mit anderen Worten: Wo sonst 360 Tage lang die katholische Kirche Homosexuelle als Menschen etikettiert, die „objektiv ungeordnet“ leben, weil sie auf „ein sittlich betrachtet schlechtes Verhalten ausgerichtet“ sind, und ihre Handlungen Ausdruck einer „moralischen Unordnung“ seien und „in keinem Fall zu billigen“ wären, da gibt es im Rahmen der Inversion der herrschenden Machtverhältnisse die Möglichkeit, der katholischen Kirche einmal einen Spiegel vorzuhalten, der ihr zeigt, was es heißt, 360 Tage im Jahr eine Gruppe von Menschen herabzusetzen und zu beleidigen. Der besondere karnevalistische Ort im Blick gerade auf die Homosexualität ist seit einigen Jahrzehnten die legendäre Kölner „Stunksitzung“.

Seitdem es diese Einrichtung gibt, versuchen Mitglieder der katholischen Kirche sie mit Zensur zu überziehen oder prozessual zu verfolgen. Erstes mit geringem, letzteres mit keinem Erfolg. Alle Prozesse gegen die Stunksitzung wurden niedergeschlagen, weil sie durch die Kunstfreiheit gedeckt waren. Konservative Katholiken bzw. solche, die sich dazu erklären, verstehen aber den Karneval nicht und nehmen ihn wortwörtlich. So auch Lohmann. Er sieht…

eine minutenlange ‚lustige‘ Verächtlichmachung der Gottesmutter als sich selbst die Dummheit erklärende Jungfrau. Alles, was Katholiken heilig ist, wird in den Dreck gezogen – und auch von Katholiken im Publikum ‚begeistert‘ assistierend applaudiert. Alles wird herabgewürdigt. Alles mit Dreck beworfen. Alles wird missbraucht. Die Jungfräulichkeit, die Gottesmutterschaft, die Kirche, das Kreuz des Erlösers, die Sexualmoral, die Verehrung.

Das ist schon widersprüchlich in sich. Denn wenn die Katholiken im Publikum begeistert applaudieren, muss Lohmann ihnen schon das wahre Katholisch-Sein absprechen, um ihren Applaus zu all dem Geschilderten zu erklären. Karneval ist an und für sich respektlos. Das ist der Sinn der zeitlich begrenzten Veranstaltung. Für die kurze Zeit des Karnevals sind bestimmte Regeln außer Kraft gesetzt. Das sieht Lohmann anders. Er fährt starkes Geschütz auf:

Mit Christen kann man es ja machen. Die haben ja, anders als andere, den Auftrag zur Liebe – bis hin zu den Feinden. Dass dies kein Freibrief für die Christenverfolger ist – wen interessiert das schon!

Ich weiß nicht, ob das Büttenrede ist oder ob er das ernsthaft vertritt. Satire im Karneval ist Christenverfolgung, wenn sie sich katholischen Kernthemen zuwendet? 2020 haben wir terroristische Angriffe auf Juden in Deutschland gehabt, terroristische Angriffe auf Muslime – und es gäbe allen Grund, von der Verfolgung von Juden und Muslimen in Deutschland zu sprechen. Und ein Mitglied der WerteUnion spricht von Christenverfolgung, wenn sich Karnevalisten über die katholische Kirche lustig machen? Das ist wohl wirklich eine Umwertung aller Werte.

2. Königswinter
Sein zweites Beispiel ist ebenso absurd. Auf Facebook hatte die Partei Die Linke in Königswinter eine Pressemeldung verbreitet, in der sie die anderen demokratischen Parteien auffordert, sich von der AfD abzugrenzen und eine Zusammenarbeit auszuschießen. Das ist zunächst ein Common Sense der Demokraten in diesem Land.

Angeblich habe die Linke aber noch mehr gesagt. Wenn die anderen Parteien der Aufforderung nicht folgen, dann werde Königswinter brennen. Und Lohmann kommentiert das so:

Der ‚Demokrat‘, der sich da so radikalisiert äußert, ist Bürgermeisterkandidat. Ein Demokrat bedient sich faschistoider Sprache? Ein Demokrat outet sich als linksextremer Gewaltradikaler?

Königswinter sei „mehr als ein dicker Hund“ – meint Lohmann. Ich weiß nicht, was „mehr als ein dicker Hund“ bedeuten soll (ein fetter Hund?), aber ich habe – offenbar anders als Lohmann - mir einmal angeschaut, was die Linke wirklich geschrieben hat:

„Wenn CDU und FDP es wagen wollen, mit dem Feuer zu spielen,
dann wird Königswinter brennen.“

Das ist natürlich etwas anderes, als Lohmann daraus macht. Der Satz meint ja, wenn die demokratischen Parteien sich mit den nicht-demokratischen gemein machen (mit dem Feuer spielen), dann werden sie auch zu Nicht-Demokraten (brennt die Demokratie). Es ist auffällig, dass Lohmann hier die Verkürzung der örtlichen CDU übernimmt. Beide unterschlagen, dass die Linke der Union vorwirft, das Feuer zu legen. Die Wortwahl der Linken ist sicher nicht glücklich und auch missverständlich, aber den ersten Teil des Satzes zu unterschlagen, ist missbräuchlich.

3. SWR-Kommentar
Als drittes Beispiel für „Dicke Hunde“ nennt Lohmann einen Kommentar (eine Meinungsäußerung!) von Rainald Becker im SWR. Und an dieser Stelle wird Lohmann dann infam. Er ist selbst Journalist und weiß, was der Unterschied von Information und Meinung ist und wie genau dieses in den Medien kenntlich gemacht wird. Wenn er es nicht weiß, sollte er in der Wikipedia nachlesen: „Ein Kommentar im Journalismus ist ein Meinungsbeitrag zu einem Thema, der den Autor namentlich nennt … Meinungsbeiträge in den Medien sind durch Artikel 5 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland geschützt. Die Trennung von Meinungen und Informationen soll Transparenz für den Leser herstellen.“ Gute Tageszeitungen machen Kommentare kenntlich, indem sie sie farblich hinterlegen oder in anderen Schrifttypen setzen. Im Fernsehen sagt die Moderatorin normalerweise: Und nun folgt ein Kommentar von Herrn/Frau xyz vom Sender ABC. Und der Zuschauer weiß: nun kommt eine Meinungsäußerung. Dieser kann man widersprechen, weil man anderer Meinung ist, aber die Meinung selbst ist vom Grundgesetz geschützt. Wie schildert Lohmann das Ganze? Er stellt die Legitimität von Beckers Meinungsäußerung infrage, er bestreitet, dass es sich um eine Meinungsäußerung handelt, indem er das Wort „kommentieren“ in Anführungsstriche setzt.

Er „kommentiert“. Gegen die Rechtsradikalen und Faschisten. Und er rührt gleich alles in seine „braune Suppe“, was ihm und seinen linken Überzeugungen im Wege steht. Der FDP-Mann in Erfurt, der sich von den Falschen hat mitwählen lassen. Auch der ehemalige Verfassungsschutzpräsident, der wegen erwiesener Nicht-Lüge gemobbt wurde von denen, die gelogen hatten, wird ebenfalls in die Giftbrühe gerührt und als jemand bezeichnet, der „die Grenzen zum Rechtsextremismus immer häufiger überschreitet“ und eine „WerteUnion, die die Nähe zur AfD nicht mehr leugnen kann“. Lügen statt Fakten.

Das sind eine toxische Zusammenstellung. Toxisch ist sie deshalb, weil Lohmann spätestens an dieser Stelle hätte kenntlich machen müssen, dass er eben selbst nicht nur neutraler Kommentator eines Kommentars eines anders Denkenden, sondern Kritisierter des Kommentars von Becker ist. Denn Lohmann ist Mitglied des Vorstands der WerteUnion NRW, vertritt also eine Position, die Gegenstand der Meinungsäußerung von Becker ist. Lohmann und dann noch einmal kath.net im Besonderen handeln hier journalistisch überaus unseriös.

Was die inhaltlichen Argumente betrifft, so halte ich alle von Lohmann benannten Punkte für unbegründet. Dass die Wahl des FDP-Politikers durch die Stimme eines nach deutschen Gerichten als Faschist benennbaren Politikers ein Problem für die demokratische Kultur ist, dürfte mit Ausnahme der AfD-Klientel inzwischen allen einsichtig sein. Es ist das Recht eines ARD-Kommentators, sich dem anzuschließen. Maaßen ist ebenfalls Mitglied der WerteUnion, ohne dass Lohmann das sagt. Das ist deshalb bedeutsam, weil die AfD-NRW selbst davon berichtet, sich regelmäßig mit der WerteUnion geheim zu treffen. Die ZEIT meldet am 14. Februar 2020:

Der Landessprecher der AfD in Nordrhein-Westfalen, Rüdiger Lucassen, hat angegeben, Mitglieder seiner Partei treffen sich seit einem halben Jahr mit Mitgliedern des CDU-nahen, konservativen Vereins WerteUnion. "Erste Gespräche begannen vor circa sechs Monaten. Seitdem haben sich die Kontakte intensiviert", sagte Lucassen … Es gebe bis zu sieben Treffen oder Telefonate pro Monat, bei den Gesprächspartnern soll es sich um mehrere Mitglieder der WerteUnion sowie Bundestagsabgeordnete der CDU handeln.

Angeblich, so der AfD-Sprecher würden dabei auch künftige Koalitionen zwischen AfD und CDU nach der Zeit von Angela Merkel besprochen. Ist es überzogen, daraus eine besondere Nähe von WerteUnion und AfD abzuleiten und sich in einem Kommentar entsprechend zu äußern? Die WerteUnion hat sich mit einer bemerkenswerten Äußerung davon distanziert:

"Beweise, dass solche Gespräche stattgefunden haben, liegen uns nicht vor", sagte ein Sprecher des Vereins.

Das ist politische Sprache par excellence. Er sagt nicht, dass solche Gespräche nicht stattgefunden hätten, sondern nur, dass es dafür keine Beweise gäbe. Es ist wie in der Schlusssequenz eines Krimis, wenn der Täter angesichts der Beschuldigungen des Kommissars sagt: das ist ja ganz interessant, aber beweisen können sie mir das nicht. Abgesehen davon, dass einer der an der Tat Beteiligten es eingeräumt hat.

Fassen wir zusammen: drei dicke Hunde die sich als Chihuahua erweisen. Der Kölner Karneval macht, was seine Aufgabe ist: alle und alles auf die Schippe zu nehmen. Die Linke aus Königswinter wirft den anderen demokratischen Parteien vor, die Republik in Brand zu setzen. Und ein Kommentator macht von seinem Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch. Und ein Vertreter der WerteUnion findet all das schlimm. Ich finde es normal. Das ist Deutschland at its best.


Übelste Nachrede

Als sich der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer auf ein Gespräch mit der Bewegung Maria 2.0 einließ, war schon absehbar, dass dies der sich "katholisch" nennenden Rechten in Österreich nicht gefallen würde. Für sie stellt jede Berücksichtigung von Fraueninteressen ein Sakrileg dar, die Weihe von Frauen ein Verbrechen gegen Gott, die Unterordnung der Frau unter den Mann eine Selbstverständlichkeit. Nun ist es das eine, eine Ansicht nicht zu teilen (das ist das gute Recht jedes Menschen), etwas anderes ist es, den Vertreter der nicht geteilten Meinung persönlich und extrem bösartig anzugehen. Geschenkt sei noch die von sich katholischen nennenden Journalisten erbrochene Behauptung, Heiner Wilmer „zeige erneut klar, dass er nicht gewillt ist, die Lehre der Kirche zu akzeptieren“. Solche Sätze sind ungeheuerlich, aber ich erwarte von dieser Hetzplattform auch nichts anderes als dieses unerträglich Bösartige.

Aber das kann man noch steigern, wie die Plattform zeigt. Man muss sich bei der folgenden Betrachtung immer vor Augen führen, dass hier eine sich mit dem Etikett „katholisch“ zierende Plattform versucht, einen der nun wirklich katholischen Bischöfe der Bundesrepublik Deutschland vorzuführen, ihn zu denunzieren und herabzusetzen. Und dazu sind den Betreibern alle demagogischen Mittel Recht. Man setzt das Ganze kontrafaktisch unter die Überschrift „Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer auf Konfrontation mit Rom“. Die Leser*innen erinnern sich: der Bischof hatte seine Wahl erst nach einer persönlichen Intervention von Papst Franziskus angenommen. Nichts ist absurder und bösartiger, als in ihm einen Gegner von Franziskus zu sehen – nur weil er mit Menschen spricht. Das ist seine Aufgabe als Bischof.

Kath.net möchte aber noch mehr sagen, denn für sie ist dieser Bischof zum personifizierten Bösen geworden. Das glauben Sie nicht? Aber es ist so. Um diese Botschaft zu vermitteln, nutzt die Redaktion unmittelbar ein Sprachbild der Bibel, das sich in Matthäus 7, 15 findet und nach 1500 sprichwörtlich geworden ist, als man begann, Wölfe systematisch zu verfolgen:

Hütet euch aber vor den falschen Propheten,
die in Schafskleidern zu euch kommen,
inwendig aber sind sie reißende Wölfe.

Und wie überträgt die Redaktion von kath.net dieses Sprachbild auf einen von Papst Franziskus berufenen deutschen Bischof? Sie unterlegt die tendenziöse Meldung mit einem mittels Photo-shop bearbeiteten Symbolbild, das sie Pixabay entnommen hat:

Wer nur etwas von der christlichen Sprach- und Bilderwelt versteht, weiß, dass dies eine durch und durch bösartige Konstruktion ist. Zur Steigerung der Dramaturgie der Herabsetzung und Denunziation beschneidet die Redaktion die Vorlage von Pixabay auf das Wesentliche, damit auch jede Leserin weiß: dieser Bischof tarnt sich nur als Schaf, ist aber ein reißender Wolf. Wenn das Denken innerhalb(!) einer Religionsgemeinschaft (wir sind ja hier nicht bei konkurrierenden Konfessionen) erst einmal so verkommen ist, dann gibt es keine Schranken mehr, dann sind die folgenden Schritte absehbar.

Denn wir assoziieren mit dem Bild noch viel mehr. Beginnen wir mit der Schöpfungsdarstellung auf dem Grabower Altar, bei der der Wolf prälapsarisch (vor dem Sündenfall) in die Brust des Lammes beißt und so auf die Notwendigkeit des Kreuzestodes Christi verweist. Der Bischof von Hildesheim wird mit diesem Bild kontaminiert.

Man muss sich vorstellen, wie da in Linz ein Redakteur vor dem Bildschirm sitzt, den Text eingibt und nun auf Pixabay nach dem passenden Bild sucht. Welche Stichworte gibt er ein? Es ist gar nicht so einfach, wenn man nicht vorab das Bild vom Wolf im Schafspelz vor Augen hat. Aber der Redakteur wollte im vorliegenden Kontext genau dieses böse Bild. Er hätte auch ein ironisches Bild wählen können, das eine gewisse Distanz zum Geschehen wahrt. Auch dafür gibt es routiniert hergestellte Beispiele auf Pixabay, aber es wäre nicht wirklich bösartig.

Nun impliziert gerade im abendländischen Kontext und der europäischen Erzählkultur die Geschichte vom Wolf im Schafspelz noch weitere Assoziationen, die zu weiteren Folgerungen führen. Im 12. Jahrhundert erzählt man sich folgende Geschichte:

„Ein Wolf beschloss, durch die Veränderung seines Aussehens mehr Essen zu bekommen. Er bedeckte sich mit einem Schafspelz und begleitete die Herde auf die Weide. Der Schäfer ließ sich von der Verkleidung täuschen. Als die Nacht einbrach, verschloss der Hirte den Wolf und die übrige Herde mit einem Gitter sicher im Schafstall. Als aber der Hirte ein Schaf für sein Abendessen holte, nahm er das Messer und tötete den Wolf.“

Das ist ambivalent formuliert, eine Art mittelalterlicher Tun-Ergehens-Zusammenhang. Es impliziert aber auch die Auslegung, dass der Hirte den Wolf tötet und damit die Herde schützt. Nur dass dies eher beiläufig geschieht. Deutlicher ist eine andere Variante aus dem 15. Jahrhundert:

„Ein in einer Schafshaut gekleideter Wolf mischte sich unter die Herde und tötete jeden Tag ein Schaf. Als dies der Hirt bemerkte, knüpfte er den Wolf an einem hohen Baum auf. Auf die Frage der anderen Hirten, warum er denn ein Schaf gehängt habe, antwortete er: Die Haut ist die eines Schafes, aber die Taten waren die eines Wolfes.

Das ist es, was das Bild sagt und sagen soll. Auch hier läuft die Geschichte auf den gewaltsamen Tod dessen hinaus, der als Wolf im Schafspelz bezeichnet wird. Das macht diese Metapher, dieses Sprachbild so extrem gefährlich, wenn man es wie im vorliegenden Fall kath.net auf die Gegenwart und Personen der Zeitgeschichte anwendet. Wer den Anderen, wer Bischof Wilmer als Wolf im Schafspelz denunziert, der nur die Schafe reißen will, fordert implizit, ihm das Handwerk zu legen. Er gibt ihn, um ein anderes naheliegendes Sprachbild zu verwenden, zum Abschuss frei. Aber wieviel Hass muss sich in einem Redakteur aufgestaut haben, um diese Text-Bild-Kombination herzustellen? Oder sind Hass und Hetze auf kath.net schon so selbstverständlich geworden, dass den Redakteuren die abgrundtiefen Beleidigungen und Verzerrungen gar nicht mehr auffallen? Wissen sie nicht mehr, was sie tun (Luk. 23,34)? Das ist doch kein Spiel! Vollzieht sich die Herabsetzung Andersdenkender schon so routiniert roboterhaft? In diesem Falle kann es ja nicht so sein, dass das Bild aus Versehen gewählt wurde, weil im Text gar nicht von Wölfen und Lämmern die Rede ist. Nein, hier hat sich jemand bewusst im Bild vergriffen.

Man muss nicht erst in Zeiten der Bedrohung und Liquidierung von Politikern leben, um zu wissen, worauf das hinausläuft. Da ist die sofortige Exkommunikation des Bischofs, die von den Lesern auf kath.net wegen erwiesener Apostasie gefordert wird, noch die harmlose Variante. Von Apostasie wird heute zwar vor allem von Islamisten geredet, aber das passt zu kath.net und seinen Lesern. Was Islamisten mit Apostaten machen, wissen wir. kath.net-Leser eifern ihnen nach: er wird im Feuer verbrannt werden.


Die schweigende Mehrheit sagt: nichts

Auf die schweigende Mehrheit kann sich jeder berufen, denn man weiß ja nicht, was sie wirklich will. Sie ist deshalb beliebte Berufungsinstanz für Rechte, die in Wahlen zwar nur ein Zehntel der Bevölkerung erreichen, aber sich dennoch als Repräsentanten der schweigenden Mehrheit ausgeben. Und das gilt nicht nur in der Politik, sondern auch in der Religion. Wenn man theologisch eine verzweifelt minoritäre Position vertritt, dann beruft man sich gerne darauf, dass man „in Wirklichkeit“ ja doch die „schweigende Mehrheit“ vertrete. Und solange die Mehrheit schweigt, kann man so etwas ja auch einfach behaupten. Schwierig wird es dann, wenn empirische Erhebungen die Selbstermächtigung in Frage stellen.

Im Folgenden will ich einen kurzen Blick darauf werfen, was es denn damit auf sich hat, wenn einer behauptet, er vertrete die schweigenden lehramtstreuen Katholiken in Deutschland. Wie verifiziert man das – wenn die Mehrheit doch schweigt? Kann man das einfach behaupten, ohne jedes empirische Element? Schauen wir einmal auf die Aussagen eines derartigen Vertreters der „schweigenden Mehrheit“, der natürlich schon in dem Moment, in dem er sich äußert, nicht mehr dazu gehört. Unbeachtet solch logischer Widersprüche, wäre ja zu fragen, wie er seine Position evident zu machen sucht.

Der „Historiker“ Michael Hesemann schreibt auf kath.net:

„Bislang waren wir lehramtstreue Katholiken die schweigende Mehrheit. Aber jetzt schweigen wir nicht mehr. Wir stellen uns demonstrativ hinter jene Bischöfe, die unsere Kirche bewahren und nicht verwässern wollen.“

Der Lackmustest für diese (nicht nur sprachlich) steile These ist für Hesemann die Bereitschaft von Katholiken, online eine Petition gegen oder eine Petition für den Erzbischof Woelki zu unterzeichnen. Das ist ziemlich gewagt. Das Erzbistum Köln hat 2018 laut Statistik 1.942.733 Mitglieder. Nach Hesemanns gewagter These wären also mindestens 971.367 Katholiken in Köln lehramtstreu ["Bislang waren wir lehramtstreue Katholiken die schweigende Mehrheit."]. Nun weiß man nicht genau, was Hesemann unter lehramtstreu versteht. Ist man lehramtstreu, wenn man Sonntag für Sonntag in die Kirche geht? Dann wären aber nur 10% der Katholiken lehramtstreu! Ist man lehramtstreu, wenn man der Aussage zustimmt „Dass Jesu Christus von der Jungfrau Maria geboren wurde“? Dann dürften nur etwa 30% der Katholiken lehramtstreu sein. Oder gilt gar, dass lehramtstreu ist, wer der Aussage zustimmt, „Dass die katholische Kirche heilig ist“? Dann wären nur etwa 10% der Katholiken lehramtstreu. Die Aussage, dass die Mehrheit der schweigenden Katholiken lehramtstreu sei, hat jegliche Evidenz gegen sich. Lediglich in ganz allgemeinen und auch historisch weitgehend unbestrittenen Aussagen wie „Dass Jesus Christus gekreuzigt wurde, gestorben ist und begraben wurde“ lassen sich überhaupt Zustimmungen über 50% erreichen.

Der schweigenden Mehrheit sind also derlei dogmatische oder ekklesiologische Fragen schlicht schnuppe. Ich schätze jenen lehramtstreuen Teil Kölner Katholiken, der Hesemann inhaltlich vorschwebt, deutlich kleiner als 5% der Katholiken des Bistums ein.

Hesemann macht seine aberwitzige These aber an einem anderen Indiz fest. Im Februar 2020 hatte ein Kritiker von Erzbischof Woelki eine Petition gestartet. Man solle Woelki für seine abwertende Haltung zum synodalen Weg eine Missbilligung aussprechen. Diese Petition erreichte nach 14 Tagen etwa 2000 Unterschriften. Dabei wird nicht kontrolliert, ob man katholisch oder evangelisch, ja überhaupt Christ ist. Im Gegenzug startete Hesemann eine Petition, die sich für Woelki ausspricht. Mit Lehramtstreue haben beide Petitionen nichts zu tun, sie sind eine populistische Pro- und Contra-Deklaration zu einer ekklesiologischen Einzelfrage. Die zweite Petition kam nun auf etwa 3.300 Unterstützer. Auch hier fand keine konfessionelle Kontrolle der Unterzeichner statt. Es gibt also keine wissenschaftliche Legitimation, aus den Ergebnissen irgendwelche katholischen „Mehrheiten“ angeblich Lehramtstreuer im Bistum Köln herauszulesen. Sie sagen schlicht wenig bis gar nichts aus. Wenn man das Ergebnis zu den Katholiken im Erzbistum Köln relationiert, dann kommt man zu der aufregenden Zahl von 0,014% der Unterzeichnenden, die sich für Woelki aussprechen, und 0,009%, die sich gegen ihn aussprechen. Also scheinen  sich von je 20.000 Katholiken des Bistums Köln drei für Woelki einsetzen und zwei gegen ihn. 99,98% der Katholiken aber sagen: nichts. Soweit zur schweigenden Mehrheit. Nur Vollpfosten glauben, man könne nun aus den abgegebenen 0,02% der Stimmen auf die Meinung oder Stimmung aller Katholiken (des Bistums Köln)  schließen. So funktioniert Statistik nicht.

Wie bereits gesagt, es ist nicht einmal ganz klar, wie viele derer, die an der Abstimmung teilnahmen, überhaupt zum Erzbistum Köln gehören. Die Schlagzeile der Tagespost „Kölner Katholiken stellen sich hinter Kardinal Woelki“ ist durchschaubar falsch. Wenn man bedenkt, dass der Düsseldorfer Hesemann auf der österreichischen bzw. Linzer Plattform kath.net Werbung für seine Petition gemacht hat (14% der Unterzeichner der pro-Woelki-Petition kommen über kath.net) und zahlreiche Leser*innen in den Kommentaren bekunden, sofort unterschrieben zu haben, könnte man vermuten, dass weit mehr als die Hälfte der Stimmen für Woelki gar nicht aus seinem Bistum kam, ein Teil sogar nicht einmal aus der Bundesrepublik Deutschland. Umgekehrt gibt es wenig Gründe für Katholiken außerhalb des Erzbistums Köln, sich gegen einen Erzbischof eines anderen Bistums zu äußern. Also dürfte die weitaus größte Zahl der Unterzeichner der kritischen Petition unmittelbar aus dem Bistum selbst kommen.

Das lässt sich nun mit Hilfe der Statistiken der Petitionsplattform leicht überprüfen
[Stand 02.03.2020]:


BRD
97%
2008

NRW
89%
1783

Köln
15%
0311

BRD
93%
3222

NRW
35%
1174

Köln
5%
0159

Nun zeigt sich, dass in der Gegenüberstellung der Äußerungen aus dem engeren Bereich des Bistums die Mehrheit der abgegebenen Stimmen (1.783) sich gegen Woelki wendet und sich gut ein Drittel weniger (1.174) für ihn aussprachen. Aus der Stadt Köln äußern sich 311 gegen Woelki, 159 für ihn. Verkehrte Welt. Man könnte sogar von einer süddeutschen Stimmungsmache sprechen. Allein 710 Stimmen für Woelki kommen aus Bayern, 406 aus Baden-Württemberg, 120 aus Österreich, 38 aus der Schweiz.

Aber wie gesagt: Derlei Petitionen sagen überhaupt nichts zur Sache selbst aus. Sie haben weder etwas mit Lehramtstreue, noch mit Kirchenkritik oder mit Zeitgeist zu tun.

Sie geben nicht einmal eine Stimmung wieder. Sie sind völlig willkürlich und beliebig.

Und so bleibt es dabei: die schweigende Mehrheit sagt: nichts.


Neusprech

Manchmal ist man doch überrascht, wie es rechten Plattformen gelingt, durch Framing und Neusprech ein Ereignis in unserer Welt in sein Gegenteil zu verkehren. Aktuell meldet die rechte Plattform kath.net unter Berufung auf lifesitenews, dass ein US-Berufungsgericht es dem Konzern Youtube erlaubt habe, Menschen zu diskriminieren.

Nichts könnte von der Wahrheit weiter entfernt sein, als diese Interpretation des Urteils. Es ist ein perfektes Beispiel für jene Form des „Doublethink“, das Orson Welles in „1984“ beschreibt:

„[Winston Smiths] Gedanken schweiften in die labyrinthische Welt des Zwiedenkens (Doublethink) ab. Zu wissen und nicht zu wissen, sich des vollständigen Vertrauens seiner Hörer bewusst zu sein, während man sorgfältig konstruierte Lügen erzählte, gleichzeitig zwei einander ausschließende Meinungen aufrechtzuerhalten, zu wissen, dass sie einander widersprachen, und an beide zu glauben; die Logik gegen die Logik ins Feld zu führen; die Moral zu verwerfen, während man sie für sich in Anspruch nahm; zu glauben, Demokratie sei unmöglich, die Partei jedoch die Hüterin der Demokratie; zu vergessen, was zu vergessen von einem gefordert wurde, um es sich dann, wenn man es brauchte, wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, und es hierauf erneut prompt wieder zu vergessen; und vor allem, dem Verfahren selbst gegenüber wiederum das gleiche Verfahren anzuwenden. Das war die äußerste Spitzfindigkeit: bewusst die Unbewusstheit vorzuschieben und dann noch einmal sich des eben vollzogenen Hypnoseaktes nicht bewusst zu werden. Allein schon das Verständnis des Wortes Zwiedenken setzte eine doppelbödige Denkweise voraus.“ [Orson Welles, 1984]

Soweit Orson Welles in „1984“. Um was geht es aber im vorliegenden Fall? Ein Youtube-Kanal mit dem irreführenden Titel Prager University (die aber mit dieser nichts zu tun hat und auch keine Abschlüsse und Titel verleihen kann) war von Youtube aus dem Werbeprogramm, nicht aber von der Plattform geschmissen worden; zwei Videos waren gelöscht worden, weil sie verstörende Inhalte für ein potentiell jugendliches Publikum enthielten. Der Youtube-Kanal PragerU richtet sich gezielt an Jugendliche und verbreitet Meldungen der religiösen Rechten Amerikas, u.a. zu Abtreibungen, aber auch diverse Verschwörungstheorien. Der Kanal klagte nun gegen Youtube wegen der Verletzung des 1. Zusatzartikels zur amerikanischen Verfassung. Dieser garantiert die Meinungsfreiheit und verbietet dem Staat, Menschen aufgrund von Rasse, Religion etc. zu diskriminieren. Der 1. Zusatzartikel bindet jedoch nur Staat und Kommunen, nicht private Institutionen oder einzelne Menschen. Das war jedem klar, nur nicht den religiösen Rechten.

PragerU argumentierte nun, aufgrund seiner Monopolstellung käme Youtube eine staatsähnliche Funktion zu und deshalb käme für die Firma auch der 1. Zusatzartikel in Anschlag. Das hat das Gericht verneint. Übrigens nicht zu ersten Mal, bereits die Vorinstanz hatte vollkommen analog geurteilt. Das Gericht hat keinesfalls gesagt, man darf diskriminieren, es hat auch die diskriminierenden Äußerungen der Youtube-Kanal-Betreiber nicht bewertet, sondern nur den Geltungsbereich des 1. Zusatzartikels bestimmt. YouTube seinerseits hat in einem Statement klargestellt, dass die Videos des Kanals “weren’t excluded from Restricted Mode because of politics or ideology”. Es ging vielmehr um den Schutz Jugendlicher.

Aus der Nichtanwendbarkeit des 1. Zusatzartikels auf Privatfirmen nun den Schluss zu ziehen, diese dürften nun Diskriminierungen vornehmen (gemeint ist: die religiöse Rechte diskriminieren), ist absurd. Es ist ein deutliches Beispiel für ‚Neusprech‘. Gerade weil es Diskriminierungen verhindern und den Jugendschutz einhalten wollte, war Youtube gegen den Kanal von PragerU vorgegangen. Nach Auffassung von Youtube und nach seinen Regeln gehört es nicht zu den „Grundrechten“ eines Kanals, andere auf einem Kanal zu diskriminieren oder offensiv anzugehen. Zwar geht die amerikanische Verfassung in Meinungsfragen sehr weit, aber in bestimmten Fragen setzt sie dann aber doch Grenzen. Aber wie gesagt, darum ging es hier gar nicht. Sondern nur darum, ob eine private Firma hier den Regelungen unterliegt, die für den Staat gelten, oder ob sie zu diesen Fragen eigene Regeln aufstellen darf. Und hier waren alle bisher erfolgten Rechtsentscheidungen eindeutig.

In Deutschland haben wir regelmäßig ein ähnliches Phänomen, wenn Vertreter rechter Propaganda meinen, es handele es sich um Zensur, wenn Facebook oder Twitter ihre kruden Thesen und Theorien oder gar ihre Hasspropaganda einschränken. Der Bevölkerung soll vermittelt werden, wenn man nicht alles sagen dürfe, dann läge schon eine Zensur vor. Auch religiöse Rechte argumentieren so, wenn sie ihr Recht auf Diskriminierung Homosexueller aus dem Recht auf freie Religionsausübung ableiten.

Mit dem Zweisprech aus Orwells „1984“ verbindet die kath.net-Meldung noch etwas anderes. Kath.net insinuiert ja, dass eine Organisation wie Youtube und deren Muttergesellschaft an das Diskriminierungsverbot, dass dem Staat auferlegt ist, gebunden sei. Überträgt man diesen Gedanken auf die institutionelle Diskriminierung, die darin besteht, dass in der katholischen Kirche Frauen grundsätzlich nicht Priester werden können, obwohl das Grundgesetz die Diskriminierung von Menschen aufgrund des Geschlechts verbietet, dann wäre es ja interessant, ob kath.net hier ebenfalls einen aufzuhebenden Tatbestand anerkennt. Wenn man Youtube zwingen will, nach den Regeln zu spielen, die für Staatsorgane gelten, warum dann nicht auch die Kirche? Aber es gehört ‚natürlich‘ zu den Religionsrechten, andere Menschen zu diskriminieren.


Das rasende Gefasel der Gegenaufklärung

Ich weiß nicht, wie viel Alkohol man in sich aufgenommen haben muss, um folgende Sätze von sich zu geben:

Die katholische Tradition atmet die frische Luft der ewigen Wahrheit. Der dekonstruktivistische Modernismus trägt in sich den Pesthauch des endgültigen Bedeutungsverlustes.

Wenn man so etwas schreibt, kann man noch nicht richtig zugedröhnt sein, weil erkennbar und bemüht artifiziell ein sprachlicher Parallelismus aufgebaut wurde:

katholisch

Tradition

atmen

frische Luft  

ewig

Wahrheit

dekonstruktivistisch

Modernismus

in sich tragen

Pesthauch   

endgültig

Bedeutungsverlust

Gleichzeitig muss man aber schon so viel intus haben, dass man nicht mehr merkt, welchen hanebüchenen Unsinn man da zu Papier bringt. Das wird deutlich, wenn man die Zeitschichten untersucht, denen die einzelnen Begrifflichkeiten entnommen wurden.

Opponierende Begriffe wie „Tradition“ versus „Modernismus“ entstammen der binnenkatholischen Diskussion der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, einer Zeit also, als es die philosophisch-literarische Richtung der Dekonstruktion noch gar nicht gab. Die Bezeichnung Dekonstruktivismus als Denunziation der Dekonstruktion ist sogar noch späteren Datums. Für den sogenannten Modernismus kann die Dekonstruktion daher kaum verantwortlich sein. Vielleicht meinen manche, der „Modernismus“ sei nach dem II. Vatikanum auch noch in dekonstruktionistischer Perspektive erweitert worden, aber dafür sollte man dann doch auch Beispiele nennen. Deutsche Bischöfe, wie es der Autor obiger Zeilen insinuiert, fallen mir dazu nicht ein, nur französische Theologen und Philosophen haben mit diesem Gedanken gespielt.

„Pesthauch“ dagegen ist unter der Bezeichnung „Miasma“ einer der fatalsten Irrtümer der Menschheit. Man verstand darunter nämlich „krankheitsverursachende Materie, die durch faulige Prozesse in Luft und Wasser entsteht“ (Wolfgang Wegner). Nicht Bakterien, von denen man noch nichts wusste, sondern der „Pesthauch“ sollte angeblich die Pest auslösen. Wer also heute von Pesthauch in diesem Sinne spricht, der indiziert, dass er nur ein Symptom, nicht die Ursache bekämpfen will. Auf den oben zitierten Satz angewendet, bedeutet dies, dass der Bedeutungsverlust nicht durch den „Modernismus“ ausgelöst wird, sondern nur ein Symptom des Bedeutungsverlustes ist, der anders – in der Regel gesamtgesellschaftlich – verursacht ist. Aber das scheint dem Autor der obigen Zeilen nicht bewusst zu sein.

In Deutschland kann man dagegen das Wort „Pesthauch“ nach 1945 nicht mehr unbefangen nutzen – auch wenn das unverdrossen weiter geschieht. Das Problem des Wortes liegt darin, dass es unter den Nationalsozialisten zum Denunziationswort für Juden wurde. 1944 schreibt Robert Ley, der Reichsleiter der NSDAP, sein antisemitisches Machwerk: Pesthauch der Welt. Und er rekurriert auf den mittelalterlichen Gebrauch des Miasmas als Ursache für das Leiden der Menschen. Und das macht er mit Worten, die den oben zitierten dualistischen Zeilen verblüffend ähnlich sind. Im Vorwort seines Pamphlets schreibt Ley (hier zitiert nach der englischen Übersetzung, da mir die deutsche Ausgabe im Moment nicht zugänglich ist):

This war is a battle between worldviews, and the side that has the strongest faith will be victorious. Only he who is convinced of the justice of his cause, and who in fact has justice on his side, who acts reasonably and correctly, who recognizes and follows the laws of nature, can have the strongest faith. All natural life is eternal battle, and battle is the father of all things. Battle, however, is possible only between two opposing poles and powers. Mankind has named these battling worlds "good" and "evil," "God" and "Satan," "noble" and "crude," "construction and destruction," "life" or "death."

Auf der einen Seite die glaubensstarke Seite, die die Wahrheit vertritt und auf der anderen Seite das Böse, der Satan, das Rohe, die Destruktion und der Tod. Wenn man es liest, mag man die Koinzidenz kaum glauben. Wort für Wort wiederholt sich hier ein Argumentationsschema der Nazis, nur dass es nun nicht die Juden sind, die der ewigen Wahrheit gegenübergestellt werden, sondern jene Kirchenmitglieder, die für die Modernisierung der Kirche eintreten.

Und das ist schon deshalb bemerkenswert, weil im ‚traditionellen‘ katholischen Glauben die Pest ein von Gott(!) gesandtes Schicksal ist, wie diverse Pestbilder des Mittelalters zeigen. Auf dem nebenstehenden Fresko aus St. Prokulus im Vinschgau sieht man, wie Gottvater die Pestpfeile schickt, während Christus und Maria sie mit ihren Schutzmänteln abwehren.

Erst im modernen, eher naturwissenschaftlich orientierten Denken, konnte die Pest als bakterienbedingte Krankheit wahrgenommen werden.

Erst diese moderne Erkenntnis setzte den Begriff „Pesthauch“ frei für seinen metaphorischen Gebrauch. Und hier schlugen nun die Nationalsozialisten zu, die die Juden als „Pesthauch der Welt“ bezeichneten – so wie der Autor der obenstehenden Zeilen die angeblichen Dekonstruktivisten als Pesthauch der katholischen Kirche bezeichnet.

Was will aber der Autor der obigen Zeiten überhaupt den Leser*innen vermitteln? Er versucht ihnen nahezubringen, dass die liberaleren Bistümer in Deutschland den Untergang der Kirche bedeuten:

Bistümern wie Osnabrück, die der Ansicht sind, in einer weiteren Modernisierung liege die Zukunft der Kirche, werden sehr schmerzhaft, im schlimmsten Fall sogar durch Untergang, lernen müssen, dass der Modernismus in dieser Form verderblich ist. Der galoppierende Relevanzverlust, der sich in progressiv steigenden Austrittszahlen zeigt, sollte ein Aufwachen auslösen. Derzeit sieht es in der Tat danach aus, als liege die Zukunft der Kirche allein in der Tradition. Dort nämlich, wo Menschen ohne Belästigung durch eine blasphemische Zweinullerideologie katholisch sein dürfen, ist Wachstum zu verzeichnen.

Das sind nun Thesen, die sich leicht überprüfen und widerlegen lassen, indem man auf die Kirchenstatistik schaut, die – aufgeschlüsselt nach Bistümern – die Austrittszahlen verzeichnen. Danach hat das Bistum Osnabrück 2018 eine Austrittsquote von 0,65% (und gehört damit zusammen mit Paderborn und Münster zu den Bistümern in Deutschland mit den geringsten Austrittszahlen), das Bistum Regensburg von 0,71%, das Bistum Würzburg von 0,88%, das Bistum Eichstätt von 0,97% und das Bistum Augsburg von 1%. An der Spitze stehen Bistümer, die vor allem in Stadtstaaten liegen (Hamburg 1,74%, Berlin 1,98% sowie München und Freising mit 1,33%). Einen Zusammenhang zwischen der Theologie eines Bistums bzw. eines Bischofs und der Neigung seiner Schäfchen zum Kirchenaustritt ist aus diesen Zahlen nicht ablesbar. Der Autor kann seine denunziatorischen Thesen nur deshalb vertreten, weil er die realen Zahlen nicht benennt. Er spekuliert auf Zahlen, die noch kommen sollen, die aber noch unbekannt sind – sowohl in Osnabrück wie in Würzburg oder anderswo. Wachstum gibt es in keinem deutschen Bistum – und wird es auf absehbare Zeit nicht geben, ganz unabhängig davon, welche ewigen Wahrheiten in ihm verkündigt werden. Die Piusbrüder, die dem Autor vielleicht vorschweben, bilden aber nun gerade keine Kirche, kein Bistum, sondern sind nach altem Sprachgebrauch eine traditionalistische Sekte ohne kanonischen Status in der römisch-katholischen Kirche. Deren Wachstumsprozesse haben aber mehr mit fundamentalistischen Ängsten in einer globalisierten Welt als mit dem Erfolg ihres Glaubens zu tun. Nicht weil sie die Alte Messe propagieren oder die offene Gesellschaft angreifen, sind sie erfolgreich, sondern weil sie sich gegenüber der Welt einigeln und ihren Anhängern Wärme versprechen, indem sie Kälte nach außen propagieren. Dies kann niemals das Modell einer Weltkirche sein. Man kann es eher als Teil jener Verhaltenslehren der Kälte (Helmut Lethen) verstehen, die den Einzelnen gegen die wahrgenommenen Unsicherheiten der Welt immunisieren sollen. Aber geschlossene Ideologie war noch niemals eine Lösung.


Nuhr keine Ahnung (11./12. 03.2020)

Abseits der schwarzen Kanäle, ideologisch aber ähnlich argumentierend, heute etwas zu einem Kabarettisten, der sich gerne über Muslime, Greta Thunberg oder eben den Corona-Virus echauffiert. Er redet gerne über vieles, von dem er nicht viel versteht. Das mag bestimmten Lehrertypen eigen zu sein, aber im konkreten Fall ist es schlicht fahrlässig. Worum geht es? Zurzeit untersagen zahlreiche Landesregierungen Massenveranstaltungen, an denen über 500 oder auch 1000 Menschen teilnehmen. Das ärgert die Protagonisten der Kulturindustrie, die gerne auch in epidemischen Zeiten mit ihren Produkten Geld verdienen möchten. Ihnen ist die Gefährdung von (älteren) Menschen offenbar egal, die Motivation der staatlichen Organe in Deutschland und Österreich interessiert sie nicht, sie schauen nur auf ihre Kohle. Deshalb twittert Dieter Nuhr:

„Wir haben eine Erkrankungsrate von 0,0001 Prozent der Bevölkerung. Also ich würde gerne einfach auftreten am Wochenende …“

Nuhr behauptet zunächst also, auf eine Million Einwohner käme nur ein Erkrankter. Und deshalb wolle er einfach weiter auftreten und zwar am 13.03. in Hagen/Westf. und zwei Tage später in Wien. Nun kann sich zum einen die Zahl genauer anschauen, die Nuhr da twittert, zum anderen überlegen, warum die Behörden wohl Großveranstaltungen wie seine mit etwa 1600 Besuchern untersagen. Ersteres leistet die linke Tabelle unten, die die konkreten Erkrankungszahlen von Hagen, Deutschland, Österreich und Wien mit der Angabe von Nuhr in Vergleich setzt. Das andere leistet eine Kurve epidemischer Verläufe, die Greta Thunberg am gleichen Tag auf Instagram publizierte und die zeigt, was hinter den Befürchtungen bei Großveranstaltungen steckt und mit welcher Hoffnung man sie verbietet:

Im Blick auf seine Auftrittsorte Hagen und Wien liegt Nuhr für den Tag seines geplanten Auftritts um den Faktor 26 bzw. 30 falsch, bezogen auf NRW sogar um den Faktor 91. Das heißt: von einer Million Einwohner sind in Nordrhein-Westfalen 91 am Virus erkrankt und nicht nur einer, wie Nuhr behauptet. Nun könnte man sagen, er habe ja auch drei Tage vorher getweetet, aber dass die Kurve exponentiell steigen würde, war auch schon da bekannt. Nur pure Ignoranz kann davon absehen.

Was Nuhr offenbar überhaupt nicht versteht, ist die Intention bzw. Funktion des Veranstaltungsverbots. Es geht darum, Menschenleben zu retten, Menschen mit Vorerkrankungen und mit gehobenen Alter davor zu bewahren, ihr Leben zu verlieren und das nur wegen einiger unterhaltungssüchtiger Vollidioten, denen es egal ist, welche Konsequenzen ihr Verhalten haben könnte, weil sie ja nicht entsprechenden Letalitätsrisiken unterliegen. In einem Berliner Club mit deutlich weniger Besuchern, als die Veranstaltungen wie Nuhr haben, wurden später 30 Personen als infiziert diagnostiziert. Wenn diese 30 Personen in den Tagen danach je drei Personen anstecken, dann sind wir bei 90 Infizierten, dann bei 270, 810, 2430 usw. usf. Von diesen Menschen werden die allerwenigsten schwer erkranken, aber 10% gehören vielleicht zu den Menschen mit Vorerkrankungen und Immunschwächen. Die müssen das dann ausbaden.

In Mülhausen hat eine evangelikale Gemeinschaft eine Fastenwoche gefeiert. Das Ergebnis:

Der maßgebliche Teil der Infizierten im Südelsass hat sich nach Erkenntnis der Behörden während einer Fastenwoche in der protestantischen Freikirche "Porte ouverte chrétienne" Mitte Februar in Mulhouse-Bourtzwiller angesteckt. Der Raum Mulhouse gilt deshalb als einer der wichtigsten Infektionsherde für das Coronavirus in Frankreich. An dem mehrtägigen Treffen der Freikirche hatten pro Tag mehrere Hundert bis zu mehr als 2000 Menschen aus ganz Frankreich, aus französischen Überseegebieten und nach Auskunft der Gemeinde auch aus der Schweiz und Deutschland teilgenommen. Von zahlreichen Infizierten aus anderen französischen Regionen ist bekannt, dass sie sich in Mulhouse aufgehalten hatten.

Um Derartiges zu verhindern, werden größere Veranstaltungen verboten. Das scheint Nuhr aber egal zu sein. Hauptsache das Geld fließt. Er wird sagen, die Risikogruppen bräuchten ja nicht in seine Veranstaltung kommen. Werden sie auch nicht. Aber in ihrem Alltagsleben können sie jenen Unterhaltungssüchtigen begegnen, die sich lieber anstecken als auf ihre Mitmenschen Rücksicht zu nehmen.

Am Eindrücklichsten ist ein mit Grafiken aufbereiteter Bericht der Agentur Reuters, der zeigt, wie eine einzige Frau aufgrund ihrer Uneinsichtigkeit über 1000 Menschen ansteckte. Zwei Mal hat sie in dieser Zeit Großveranstaltungen aufgesucht. Bei einer angenommenen Letalitätsquote von 2 bis 3 Prozent, wäre sie in der Konsequenz dann fahrlässig für 20 bis 30 Tote verantwortlich.

Dass so etwas geschehen kann, wusste man aber schon zu der Zeit, als Dieter Nuhr fröhlich vor sich hin twitterte – wohl wissend, was das auslösen würde. Aber selbst, wenn er sich nun darauf berufen wollte, dass er von der Sache als Nicht-Virologe ja keine Ahnung habe, so ist er als Person des öffentlichen Lebens aber in einer besonderen Verantwortung. Da will jede Äußerung bedacht sein. Ich habe nicht das Gefühl, dass Nuhr hier wirklich nachgedacht hat. Er dachte nur an sein Geld. Am 19.03. gibt Nuhr in seiner Sendung zu: "Viele haben diese Krankheit unterschätzt, ich übrigens auch, um es ganz deutlich zu sagen." Diese Erkenntnis kommt freilicich genau eine Woche zu spät.


Gott kennt die Seinen

Zurück zu kath.net. Ein scheinbar durchgeknallter, vielleicht aber nur unendlich naiver Schweizer Weihbischof meint, am Weihwasser und an den gewandelten Elementen der Eucharistie könne man sich nicht anstecken. Denn nach der Wandlung seien letztere ja de facto der Leib des Herrn, weswegen sie unmöglich die Gläubigen anstecken können. Er nennt so etwas Glauben, ich nenne es Wahnsinn. Er verweist auf das Wasser von Lourdes, in dem ja auch viele Kranke baden würden, ohne dass sich jemand ansteckt. So unbeleckt muss man schon sein. Das Wasser von Lourdes wird von den Behörden stark gechlort, enthält deshalb keine Bakterien und kommt so schon als Argument nicht in Frage. Weihwasser wird dagegen nicht gechlort und enthält deshalb in der Regel ein Vielfaches der Keime, die normalerweise zulässig wären. Und die Hände der Priester und der Gläubigen werden vor und während der Messe eben nicht kontrolliert. Und es braucht nur einen, der alle anderen dann ansteckt – Elemente hin oder her.

Denn gibt es in der jüngsten Corona-Krise zwei Hotspots, von denen Gefährdungen für die Umwelt ausgehen: das eine sind die Clubs und die Party-Szene, das andere sind religiöse Veranstaltungen. Wenn Gott die Seinen kennt, dann verschont er sie offenkundig nicht, sondern sucht er sie mit Vorliebe aus. In Mülhausen wählte er ein charismatisches Treffen, das dann seine Viren über ganz Frankreich und nach Deutschland ausstrahlte. In Südkorea wählte er die Megakirche „Shincheonji Church of Jesus“, um den Virus möglichst breit unter die Leute zu bringen. Von 4800 Fällen des Coronavirus in Südkorea werden 60% dieser Megachurch zugeordnet. Aber auch Pfingstlertreffen gehören zu seinen Aktionsfeldern und selbst katholische Bischöfe nimmt er nicht aus. Dass Gott jedoch die Menschen verschonen würde, die er liebt, glaubt vermutlich auch der Bischof nicht. Das Land mit den meisten Fällen pro 1 Million Einwohner ist mit Abstand das katholische Italien, gefolgt von der bi-konfessionellen Schweiz, in der der Weihbischof lebt. Erst dann kommt das lutherische Norwegen, dann das katholische Spanien. Konfessionsspezifische Vorlieben scheint Gott nicht wirklich zu haben. Aber er lässt eben die religiösen Gebiete auch nicht aus, ganz im Gegenteil. In der barocken Predigtkultur war die Pest immer die Antwort Gottes auf die Sünden der Menschen. Das war, bevor man die Ursachen der Pest kannte.

Heute kennen wir auch die Übertragungswege des Corona-Virus und wissen, dass er sich durch die Wandlung nicht stoppen lässt. Wenn der Weihbischof es nicht glaubt, können wir gerne einen wissenschaftlichen Test starten – virenbehaftetes Brot und Wein vor und nach der Wandlung. Ebenso wie beim Weihwasser werden sich auch hier die Viren nicht durch heilige Handlungen abschrecken lassen. Vor allem aber werden die Gläubigen, die sich beim Gottesdienstbesuch infiziert haben, nach dem Gottesdienst andere Menschen (Gläubige wie Ungläubige) anstecken, nur weil sie meinten, ihr eigenes Seelenheil pflegen zu müssen. Ob das wohl Gott gefällt?

Artikelnachweis: https://www.theomag.de/124/am691.htm
© Andreas Mertin, 2020