01. April 2020

Liebe Leserinnen und Leser,

frei nach Horaz heißt es:

PERFER ET OBDURA DURUM, QUIA PATIENTIA FRANGIT
NON ENIM SI MALE NUNC ET OLIM SIC ERIT 
„Halte aus und ertrage harte Zeiten, weil Geduld bezwingt.
Und gewiss, wenn es nun auch schlecht gehen mag,
es doch in Zukunft nicht so sein muss.“

Den letzten Satz hat sich der Protagonist in E.T.A. Hoffmanns Erzählung "Des Vetters Eckfenster" als spätes Lebensmotto an die Wand geheftet. Und so beobachtet er, obwohl eingeschlossen in seine Wohnung, vom Eckfenster das Geschehen der Welt. In heutigen Zeiten steht uns freilich nicht nur jenes Eckfenster am Berliner Gendarmenmarkt zur Verfügung, das Hoffmanns Beschreibung zugrunde liegt, sondern zahlreiche alte und neue Medien: Die Tageszeitungen, die einen zumindest zum Frühstück mit dem Wichtigsten aus der Welt versorgen, das gute alte Fernsehen, das in den Fluss des seichten Unterhaltungsprogramms ab und an eine Sondersendung zu den harten Zeiten einschiebt, das Internet, das jede denkbare wahre und unwahre Information an den Mann und die Frau bringt, die Social Media, die sich mit Meinungen und Meldungen aufgeregt überschlagen. Um in die Welt zu blicken, brauchen wir heute kein Eckfenster mehr. Und ebenso wie der Vetter über die Figuren spekuliert, die er auf dem Platz vor seinem Fenster erblickt, und Geschichten ersinnt, so kombinieren auch wir in Zeiten von Corona Beobachtungen, Deutungen und Geschichten, um unser Weltbild neu zu gestalten. Denn Corona provoziert alle zu neuen Weltbildern, selbst die ältesten unter den Leser*innen dürften Ähnliches kaum erlebt haben. Es ist eine Katastrophe mit Ansage und ohne zuverlässig bestimmbare Entwicklung. Wir sind herausgefordert.

Als wir dieses Heft planten und unter das Thema SPACE stellten, war noch nicht absehbar, wie stark die Corona-Krise die Lebensverhältnisse beeinflussen würde. Einen Reflex auf diese aktuelle Entwicklung finden Sie nicht zuletzt in unserer Rubrik IMPULSE, die einiges aus der HomeOffice-Perspektive auf die Welt aufnimmt. Wolfgang Vögele ist in einer Predigt in den Göttinger Predigten im Internet dem Thema nachgegangen.

Eine neue Rubrik des Magazins sind die CAUSERIEN, eine fast vergessene literarische Form des 19. Jahrhunderts. Nicht so formstreng wie der Essay, bilden die Causerien gelehrte Unterhaltungen, ausgehend oft von subjektiven Beobachtungen und zu allgemeineren Schlussfolgerungen gelangend. Der Umfang der Texte ist auf wenige Seiten begrenzt.



Nun aber zum aktuellen Heftt SPACE.

Es würde analog etwa 150 Seiten umfassen und erfordert, wenn man denn alles lesen will (wozu während der Corona-Epidemie ja Gelegenheit genug vorhanden sein sollte), knapp 5 1/2 Stunden Lesezeit.

Und es ist ein höchst interessantes, bereicherndes Lektüreangebot geworden.

Die Rubrik VIEW eröffnet mit der Vorstellung des Themas durch Robert J.J.M Plum, Kim de Wildt & Albert Gerhards, die seit März 2020 das DFG-Projekt „Sakralraumtransformation. Funktion und Nutzung religiöser Orte in Deutschland“ leiten. Von Horst Schwebel haben wir einen schon etwas älteren Text in Erinnerung gerufen, der sich mit den Wahrnehmungen des Kirchenraums beschäftigt. Karin Wendt beschäftigt sich mit dem raumbezogenen Œuvre der Künstlerin Alice Aycock.

In der neuen Rubrik CAUSERIEN finden Sie einen Essay von Jörg Herrmann zur Unkultur des unendlichen Konsums. Wolfgang Vögele fügt eine Kurznotiz zum Werk des Papierkünstlers Erwin Hapke hinzu.

Unter RE-VIEW erinnert Hans J. Wulff anlässlich des unsäglichen Schicksals der Kinder auf Lesbos an die cineastische Bearbeitung des Themas „Krieg im Angesicht der Kinder“. Horst Schwebel setzt sich kritisch mit einer Architektur-Publikation des Kulturbüros der EKD auseinander.

In der Rubrik IMPULS geht es dieses Mal um drei verschiedene und doch verbundene Ansichten auf das Thema „Stadt, Leere, Orientierungslosigkeit, Deutungsfähigkeit“. Andreas Mertin wirft einen Blick auf Pestbilder, auf Bilder von Webcams aus leeren Städten und gestaltet eine Seh-Übung anhand eines Screenshots. Es sind kulturhermeneutische Fingerübungen aus dem HomeOffice.

Und in der Rubrik POST gibt es wie immer satirische und ironische Kommentare zum fundamentalistischen Zeitgeschehen. Wir drucken einen Text, der schon vor einem Monat im Eule-Magazin erschienen ist und erläutern, warum wir es im Magazin mit der Nennung der Namen von Attentätern anders halten als andere Zeitschriften. Und Andreas Mertin hat einen schon einmal vorgestellten Videoclip unter dem Eindruck der aktuellen Corona-Epidemie neu gelesen.

Das nächste Heft 125 des Magazins für Theologie und Ästhetik steht unter der Überschrift „Singularitäten“. Wem dazu etwas einfällt, den laden wir zur Mitarbeit ein.

Für dieses Heft wünschen wir eine erkenntnisreiche Lektüre!

Andreas Mertin, Jörg Herrmann, Horst Schwebel, Wolfgang Vögele und Karin Wendt



Heft 125: Singularitäten (1.6.2020; Redaktionsschluss 15. Mai 2020)

Heft 126: Serie(n) (1.8.2020; Redaktionsschluss 15. Juli 2020)

Heft 127: Weltbegebenheiten (1.10.2020; Redaktionsschluss 15. September 2020)

Heft 128: Religiöse Kulturhermeneutik (1.12.2020; Redaktionsschluss 15. November 2020)

Leserinnen und Leser, die Beiträge zu einzelnen Heften einreichen wollen oder Vorschläge für Heftthemen haben, werden gebeten, sich mit der Redaktion in Verbindung zu setzen.

Übersicht aller bisher erschienenen Texte

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