![]() Theologische Biographien
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Nancy Cunards NEGROEin Dokument eines kosmopolitischen LebenAndreas Mertin Bruckmaier, Karl; Cunard, Nancy (Hg.) (2020): Nancy Cunards Negro. [Klappentext] Der Musikjournalist und Kulturpublizist Karl Bruckmaier widmete sich Jahrzehnte seines Lebens der Ausdruckskraft und Relevanz schwarzer Kultur innerhalb dessen, was wir Moderne nennen. Fasziniert von der Person Nancy Cunard und ihrer legendären Anthologie wählte er daraus 30 Texte aus und macht sie in seiner Übersetzung zusammen mit Isabella Bruckmaier erstmals auf Deutsch zugänglich. Das entstandene Werk Nancy Cunards Negro ist ein frühes Testament der beeindruckenden Fülle afrikanischer, afroamerikanischer und karibischer Kunst und ihres unermüdlichen Geistes des Widerstands. Damals wie heute ein historisches Black-Pride-Dokument, ein Muss für alle, die die kraftvolle Vielfalt der Kunst feiern und ein großartiges Statement für Pluralität und Anti-Rassismus. PrologIch wusste ehrlich gesagt nichts von Nancy Cunard, ihrer Biographie, ihrem Lebenswerk und der hier vorzustellenden Anthologie, bis mir der Verlag das Buch zur Rezension schickte. Diese Unkenntnis war nachträglich betrachtet eine eklatante Bildungslücke, die ich mir nicht erklären kann. Man geht dann doch viel zu oft blind durch Ausstellungen und Bibliotheken, in denen man auf Nancy Cunard hätte stoßen können. Dabei ist die Auseinandersetzung mit diesem Buch, mit der Herausgeberin der Anthologie und ihrem Leben überaus interessant und inspirierend. Es ist ein ver-rücktes Buch, es ist eine ver-rückte Biographie und es ist ein kulturgeschichtliches Dokument. Manches, was man in dieser Anthologie entdecken kann, wirkt auch heute noch absolut revolutionär, anderes raubt einem den Atem. Aber das gilt vielleicht auch nur dann, wenn man wie in meinen Fall mit der entsprechenden Literatur im deutschen Sprachraum nicht vertraut ist. So entdecke ich in der Anthologie das folgende Gedicht von Countee Cullen und fand es präzise und ausdrucksstark um dann festzustellen, dass die deutsche Soziologin Hanna Meuter (1889-1964) es schon 1932 in ihrer gemeinsam mit Paul Therstappen herausgegebenen Anthologie „Amerika singe auch ich“ in deutscher Übersetzung publiziert hatte.[1]
Während ersteres vielleicht noch einsichtig sein kann, ist letzteres aus heutiger Sicht kaum noch nachvollziehbar. Aber es geht ja auch um ein Dokument zur Zeitgeschichte und Anfang der 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts war die Bewertung von Josef Stalin noch eine andere als heute und die Emphase für die kommunistische Bewegung in der künstlerischen Community auf dem Höhepunkt. Wer ist Nancy Cunard?Bevor ich die neue Auswahl aus der Anthologie NEGRO von Nancy Cunard genauer betrachte, zunächst ein paar Informationen zu ihrer Person. Das obige Gemälde (128 x 102 cm) des englischen Porträtmalers Ambrose McEvoy (1878-1927), welches um 1920 entstanden ist und die damals 24-Jährige (schon verheiratete und in Scheidung lebende) Nancy Cunard zeigt, vermittelt noch kaum eine Ahnung vom danach beginnenden bewegten Leben der jungen Britin. Aber selbst das vier Jahre später entstandenes Porträt von Oskar Kokoschka (1886-1980) (Link) lässt noch wenig von jener Frau erkennen, die sich damals bereits anschickte, sozusagen als britisches It-Girl die Pariser Kultur-Szene aufzumischen.
In dieser Zeit begann Nancy Cunard Gedichte zu schreiben und zu publizieren. Sie freundete sich mit zahlreichen Schriftstellern und Künstlern an, oftmals lange bevor diese bekannt und berühmt wurden. Sie war die Freundin und Muse von Aldous Huxley, und hatte engen Kontakt u.a. mit Ernest Hemingway, James Joyce, Constantin Brâncuși, Louis Aragon und Man Ray. Das spiegelt sich auch in den Fotos, die die Fotografen unter diesen Künstlern in dieser Zeit von Nancy Cunard angefertigt haben (Link). 1928 lernt Nancy Cunard während eines Aufenthaltes in Venedig im (auch heute noch existierenden) Hotel Luna am Markusplatz den amerikanischen Jazz-Pianisten Henry Crowder (18901955) kennen, der dort ein Engagement hat. Es beginnt eine intensive persönliche und künstlerische Beziehung der beiden.
Das Buch NEGRO
Eklektizistisch ist das richtige Stichwort man kann sich das vorstellen, wenn man sich überlegt, wie man selbst an ein derart innovatives, neues, ungewöhnliches Projekt herangehen würde. Man befindet sich wie Nancy Cunard in Paris in einem Zirkel der avantgardistischen Künstler der damaligen Zeit und soll/will nun eine Anthologie unter der Titel NEGRO zusammenstellen. Was ist wichtig, was repräsentativ, was erwähnenswert? Das zu beantworten ist gar nicht so einfach. Und ursprünglich hatte Nancy Cunard sogar ein noch viel umfangreicheres Buchprojekt vor Augen. Nancy Cunards Zusammenstellung ist gut bebildert, die schwarzen Künstler*innen werden mittels Porträtfoto vorgestellt, vor allem aber gibt es eine Fülle von Dokumentar-Fotos, etwa auch Bilder von Lynchaktionen durch weiße Rassisten. Cunard gliedert ihre Anthologie in verschiedene Ordnungspunkte: America, Negro Stars, Music, Poetry, West Indies und South America, Europe, Africa, Negro Sculpture und Ethnology.[7] Diese werden dann noch einmal in zum Teil nummerierte, zum Teil genauer benannte Unterpunkte eingeteilt. 1970 hatte bereits Hugh D. Ford eine auf knapp 500 Seiten reduzierte Ausgabe der Anthologie herausgegeben.[8] Er systematisiert die Zusammenstellung von Nancy Cunard noch einmal stärker, indem er auch die ersten Unterpunkte namentlich kategorisiert: Sklaverei, Geschichte, Literatur, Erziehung usw. Die grundsätzliche Systematik hat er aber beibehalten. Was bietet die aktuelle Auswahl von Karl Bruckmaier?Die vorliegende, von Karl Bruckmaier herausgegebene Auswahl, ist dagegen gegenüber dem Original und dem späteren Nachdruck noch einmal auf 280 Seiten verkleinert. Dabei hat Karl Bruckmaier seine Auswahl durch eine Einleitung und eine Serie mit 23 Fotografien des Fotografien Olaf Unverzart ergänzt, so dass er nun etwa ein Viertel des ursprünglichen Buches von Nancy Cunard auf Deutsch zugänglich gemacht hat.
Das ist überaus spannend und interessant, wenngleich durch den Verzicht auf die ursprünglichen Dokumentarfotos etwas von der Authentizität bzw. schockierenden Realität des Buches verloren gegangen ist. Aber man bekommt einen guten Eindruck von dem ursprünglichen Werk, zumal Bruckmaier behutsam da und dort Anmerkungen und Erläuterungen einträgt. Die Alternative wäre ja nur eine Art übersetztes Faksimile gewesen, das dann aber auch das große Format hätte übernehmen müssen. Zumindest sollte jede Leserin, jeder Leser einmal einen Blick auf die digitale Präsentation des Originals im Internet werfen (Link). Ich greife nun aus den Beiträgen der von Bruckmaier edierten Ausgabe einige heraus:
Biographisch führte der Weg von du Bois auch nach Deutschland, er hat u.a. in Heidelberg (bei Max Weber) und an der Humboldt-Universität in Berlin studiert. Über seine Erfahrungen in Deutschland sagte er:
Auch angesichts der aktuellen Debatte über die Cancel Culture finden sich bei du Bois interessante Notizen. Während in Hamburg engagierte Linke die Bismarckstatue stürzen wollen, zeigt sich du Bois von ihm ziemlich beeindruckt und bezeichnet ihn als eine Art Vorbild:
Der in NEGRO abgedruckte Text „Das schwarze Amerika“ (13-27) von du Bois ist außerordentlich differenziert und auch heute noch lehrreich, er lässt sich mit biographischen Kontextualisierungen seines Verfassers auch heute noch als Text in der Bildungsarbeit einsetzen.[10] Du Bois skizziert die Entwicklung der Sklaverei und der schwarzen Community vom 16. Jahrhundert bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Er erörtert die kulturellen Leistungen und die Einflüsse, die von ihnen auf die weiße Kultur ausstrahlten. Kritisch beschäftigt er sich mit der Kultur der Mildtätigkeit, die eine Struktur aufrechterhält, die eigentlich überwunden werden müsste. Und schließlich setzt er sich mit den Stimmen in der schwarzen Community auseinander, die an der Rassentrennung festhalten und eine eigene nationalstaatliche Organisation der Schwarzen empfehlen. Das hält er für ein nicht praktikables Projekt, das allein schon durch die Lebenswirklichkeit, die realer Vermischung, überholt werde. Der zweite Text in der Sammlung stammt von der zwar namentlich bekannten, ansonsten aber unbekannt gebliebenen Autorin Gladis Berry Robinson, die von der ersten afroamerikanischen Sklavin berichtet, die publizieren konnte / durfte. Sie wurde auch schon von du Bois in seinem Text erwähnt und hervorgehoben.
Dem ersten Buch, das ihre Texte enthielt, musste ein Gutachten vorgeschaltet werden, das bezeugte, dass die Texte wirklich von ihr seien. Unfassbar. Sie wird auch in Europa berühmt, wobei dieser Ruhm zu einem guten Teil auf Exotismus und nicht auf einem wirklichen Interesse an ihren Texten lag.[12] Heute mögen ihre Gedichte aus dem Rückblick für manchen zu affirmativ wirken, aber sie zeichnen sich durch eine Ambivalenz aus, die weit über das Konventionelle hinausweist. In ihrem Gedicht „On Being Brought From Africa to America“ schreibt sie:
Im Angelsächsischen gibt es eine angeregte Diskussion um diese Verse[14], aber hier müsste man noch einmal vertieft in die amerikanischen Debatten des 19. Jahrhunderts einsteigen, die das Kainsmal (das ja nicht zuletzt ein Schutzmerkmal war) mit der schwarzen Hautfarbe verbanden. Insbesondere im Mormonentum gibt es eine längere Debatte darüber. Wie gesagt, der Text in NEGRO erzählt nur von der Schriftstellerin, zieht einen aber sofort in die weitere Recherche hinein. Das ist dann auch ein Verdienst von Bruckmaiers Publikation.
Das würde zumindest erklären, warum einige der Zuspitzungen eher in den kommunistischen Jargon passen, etwa wenn Gellert schreibt:
Das mindert nicht die Verdienste Gellerts, was seine weitere Sammlung schwarzer Protest-Songs betrifft, aber es bedeutet, dass man bei jedem einzelnen von ihm kolportierten Lied schauen muss, inwieweit es authentisch und inwieweit es zugeschriebene Folkore ist.
Macpherson ist ähnlich wie auch Nancy Cunard ein Grenzgänger zwischen Kulturen, Geschlechtern und „Rassen“. In seinem Text erörtert er, der mit dem russischen Filmregisseur Sergei Michailowitsch Eisenstein befreundet ist, die Frage, wie sinnvoll, ja zwingend eigentlich eine schwarze Filmunion, ein „Confederated Negro Socialist Cinema" wäre. Denn die bloße Integration der Schwarzen in die Filmindustrie würde den Rassismus nur fortsetzen:
Man kann mit guten Gründen sagen, dass sich an dieser Diagnose bis in die Gegenwart wenig geändert hat. Gerade das macht die Texte aus Nancy Cunards Anthologie auch für die aktuelle Auseinandersetzung so interessant. Wie ordnen sich Nancy Cunard und NEGRO in die gegenwärtigen Debatten ein?Das Buch erscheint in ver-rückten Zeiten, nicht nur ein Land, sondern die ganze Welt diskutiert, was aus der BLM-Bewegung zu lernen, welche Konsequenzen zu ziehen sind. Wir sind weit entfernt von den Zeiten einer eher dadaistisch anmutenden Nancy Cunard, die Grenzen überschreitet, provoziert und ständig auf der Suche nach neuen Herausforderungen ist, so dass man durchaus ihr Leben eben auch als Kunstprozess bezeichnen kann. Heute könnte manches, was 1934 noch selbstverständlich war, nicht mehr so publiziert werden, die Empfindlichkeiten sind größer geworden, die identitätspolitischen Forderungen schärfer. Gerade deshalb ist dieser Einblick in die Kultur und die künstlerischen Diskussionen der 30er Jahre so wertvoll. Nicht zuletzt geht es um eingelöste oder eben nicht eingelöste Hoffnungen, manches erscheint progressiver als die Diskussionen in der Gegenwart, unbekümmerter, was das Überschreiten von Grenzen, insbesondere sprachliche Grenzen betrifft. Auf der anderen Seite sind all die kommunistischen und auch kritisch-theoretischen Hoffnungen geplatzt, der Kapitalismus hat auch die damaligen Protestbewegungen mit Haut und Haaren geschluckt gut ablesbar in der Popkultur, in der Kinokultur, aber auch in der Literatur. BuchempfehlungWenn ich Wünsche für spätere Ausgaben hätte, dann vor allem, dass es einmal eine illustrierte Ausgabe im originalen Folio-Format gäbe, die uns Porträts der Autoren zeigt und vielleicht auch einiges an zeitgeschichtlichen Situationen einfängt, die Leser*innen 1934 noch vor Augen hatten. Alles in allem aber ist Bruckmaiers erste deutschsprachige Auswahl aus Nancy Cunards „Negro“-Anthologie ein außerordentlich empfehlenswertes Buch, um sich eine fast verdrängte Episode aus der Zeit der avantgardistischen Aufbrüche im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts in Erinnerung zu rufen. Anmerkungen[1] „Amerika singe auch ich“. Dichtungen amerikanischer Neger. Zweisprachig. Hg. und Übers. zus. mit Paul Therstappen. Wolfgang Jess, Dresden 1932. Mit Kurzbiographien. Reihe: Der neue Neger. Die Stimme des erwachenden Afro-Amerika. Band 1; Neuausgabe ebd. 1959 [Texte von Langston Hughes, James Weldon Johnson, Jessie Redmon Fauset, Countée Cullen, William Edward Burghardt Du Bois, Jupiter Hammon (17111806), Angelina (Weld) Grimké (18801958)] [3] Ebd. [4] Crowder, Henry (Hg.) (1930): Henry - Music. Poems By Nancy Cunard, Richard Aldington, Walter Lowenfels, Samuel Beckett, Harold Acton. Paris: Hours Press. [5] In anderen Quellen heißt es, die Bestände seien in Folgen der Kriegseinwirkungen durch die Deutschen vernichtet worden. [6] Sweeney, Carole (2005): ‘One of them, but white’: The disappearance of Negro: An anthology (1934). In: Women: A Cultural Review 16 (1), S. 93107. DOI: 10.1080/09574040500045938. [7] https://digitalcollections.nypl.org/items/294108d0-4abd-0134-e9a7-00505686a51c/book#page/163/mode/2up [8] Cunard, Nancy; Ford, Hugh D. (Hg.) (1970 (1984)): Negro. An anthology. 3. printing. New York: Frederick Ungar. [10] Im Original von 1934 befindet er sich erst im sechsten Abschnitt auf Seite 148, bei der Ausgabe von Ford im Abschnitt „Negro Education and Law“ auf Seite 99. [12] So führte etwa Voltaire 1774 in einem Brief an den Baron Constant de Rebecq Wheatley als Gegenbeweis für dessen rassistische Behauptung an, es gebe keine schwarzen Dichter. (wikipedia) [13] Ich sehe nicht, wie man das angemessen übersetzen kann. Die Übersetzung, die die wikipedia vorschlägt, empfinde ich als zu affirmativ: „Uns dunkle Rasse sieht man an voll Hohn: / „Die Farbe ist von dämonischem Ton.“ / Bedenket, Christen: Neger, schwarz wie Kain, / einst weiß und hell im Engelszug sich reih’n.“ Bei ihr korrespondieren aber scornful und diabolic und nicht Hohn und Ton. [14] https://commons.marymount.edu/onbeingbroughtfromafricatoamerica/close-reading/ [15] Im Original S. 366-377, bei Hugh D. Ford auf S. 234-236, bei Burkmaier S. 174-187. [16] Bruce Conforth schreibt in seinem Buch über Gellert, Cunnard habe eine Affäre mit ihm gehabt. [17] Conforth, Bruce M. (2013): African American Folksong and American Cultural Politics. The Lawrence Gellert Story. Lanham: Scarecrow Press (American Folk Music and Musicians Series). [18] Im Original S. 335-338 |
Artikelnachweis: https://www.theomag.de/129/am706.htm |