![]() Theologische Biographien
|
Cisalpino und zurückPerugia Frankfurt Marburg MünsterKarin Wendt Corri …! Lauf …!Der Sound Ende der 80er Jahre war für uns die Musik der italienischen Rockband Litfiba. Litfiba war die mythische und reale Sehnsucht nach dem Meer, die ironische Brechung kultureller Stereotypen und die Gewissheit, dass man jung ist, um Wut gegenüber allem gesellschaftlich Geronnenen zu empfinden und zu artikulieren. Nach dem Abitur nach Italien. Einen anderen Plan gab es nicht. Vielleicht war es auch ein entferntes Echo dessen, was Joachim Fest ganz anders und in einer weit gefassten, historischen Perspektive in seinem Tagebuch einer italienischen Reise über die Italiensehnsucht der Reisenden vor ihm so beschreibt:
Ein Jahr Perugia
Die Valle Umbra, das umbrische Tal, war bereits zur Zeit der Villanovakultur besiedelt. Gut 300 v. Chr. taucht der Name Perusia auf. Im 6. Jahrhundert v. Chr. war Perugia Teil des Zwölfstädtebunds und die mächtigste Stadt Etruiens. Der Arco Etrusco, das Tor in der etruskischen Stadtmauer, war noch im Mittelalter der wichtigste Schutz der Stadt nach Norden, die ab dem 13. Jahrhundert von dem Adelsgeschlecht der Baglionen dominiert wurde. Von Süden führte die ehemalige Via Amerini durch die Porta Marzia ins Stadtzentrum. Heute liegt hier die Piazza Italia mit den Giardini Carducci, eine Gartenterrasse mit Blick in die Ebene.
Die heutige Stadt Perugia besteht eigentlich aus drei Städten: Vom Fuß des Hügels ausgehend breitet sich die Neustadt aus und geht nach und nach über in die Umgebung aus sanften Hügeln, Sonnenblumenfeldern und kleinen Pinienanpflanzungen bis hin zum Lago Trasimeno. Die dritte Stadt ist zunächst unsichtbar. Über Rolltreppen im Süden, die die Oberstadt mit der Unterstadt verbinden, gelangt man in eine unterirdische Festung, die Rocca Paolina, die Papst Paul III. im sogenannten Salzkrieg 1540 als Versteck und Rückzugsort errichten ließ. Zu sehen ist noch der ehemalige Eingang, die Porta Marzia. Die Peruginer hatten sich geweigert, eine Salzsteuer zu zahlen. Perugia unterlag und war mehr als 300 Jahre dem Kirchenstaat unterworfen. Als 1986 in Italien der Film „Der Name der Rose" anlief, ging das Gerücht, einige Szenen seien in der päpstlichen Festung gedreht worden. Vorstellbar war es allemal. Zur Geschichte von Perugia gehört auch die enge und konfliktträchtige Verbindung zur Nachbarstadt Assisi. Während Perugia zum Einflussbereich der Welfen gehörte, lag Assisi im Machtbereich der Staufer. 1202 zog auch Giovanni di Pietro di Bernardone, der spätere Franz von Assisi, in den Krieg gegen Perugia. Nach der Niederlage Assisis kam er in Peruginer Gefangenschaft und wurde erst 1204 auf Lösegeldzahlung seines Vaters freigelassen. Die lang währenden religiösen Ordensverbindungen zwischen Perugia und Assisi wurden mir bewusst, als ich viele Jahre später die Klarissen am Dom in Münster kennenlernte und einmal als messagiera ins einige Kilometer von Perugia entfernte Klarissenkloster Monteluce in S. Erminio fuhr, das im 15. und 16. Jahrhundert, so die Klarisse Ancilla Röttger, „ein intellektueller und spiritueller Brennpunkt der Klöster Italiens war".
Italiener beherrschen die Kunst, den öffentlichen Raum als Raum der Begegnung zwischen Subjekten zu gestalten, als Bühne, als Laufsteg, als lebendiges Theater. Die Lust an der menschlichen Gegenwart, die Achtung vor dem Gegenüber, der aufmerksame Blick für das Besondere im Alltag und umgekehrt, bedingt, das Sichtbare ernstzunehmen. Diese Haltung spiegelt auch die Kunst kurz vor und während der italienischen Renaissance, die zu unser aller kulturellem Bildergedächtnis geworden ist. Man findet sie nicht nur an prominenten Orten und in den großen Städten, sondern entdeckt sie überall, auch an entlegeneren Orten, in kleinen Kirchen oder Privathäusern. Prägende (künstlerische) Entdeckungen waren für mich die Malereien von Piero della Francesca in der Basilika San Francesco in Arezzo, die Fresken von Jacopo da Pontormo in der Sommervilla der Medici in Poggio a Caiano oder die Fassade des Doms von Orvieto, auf dessen Stufen wir oft die Abende verbrachten. Frankfurt SamplingWarum Frankfurt am Main? Ein Grund war, dass man von Frankfurt nach München oder nach Basel und von dort weiter mit dem Nachtzug am darauffolgenden Morgen in Mailand sein konnte. Frankfurts architektonische Modernität war befreiend und cool. Der Campus der Johann Wolfgang Goethe-Universität liegt an der Grenze des Stadtteils Bockenheim, gehört aber zum Frankfurter Westend. Die Institute der geisteswissenschaftlichen Fakultäten befanden sich Anfang der 90er Jahre bis auf einige Seminare der evangelischen Fakultät in Gebäuden auf dem Campus. In Erinnerung ist mir vor allem der Nachkriegsbau der Philosophischen Fakultät, aber auch das Sozialzentrum mit der Mensa im zweiten Stock und das Studierendenhaus des Architekten Otto Apel mit dem Café KoZ und einer ökumenischen Kapelle. Den Geist, den ich mit der Frankfurter Universität verbinde, drückt sehr schön eine Bewertung aus, die das Amt für Denkmalschutz zum Erhalt des Studierendenhauses formuliert hat:
Zum Frankfurter Curriculum der Kunstgeschichte gehörte neben dem Studium der Epochen, das die Kunstentwicklung bis zur amerikanischen Moderne einschloss, die Arbeit vor Originalen im Städel Museum und Grundkenntnisse der klassischen Archäologie. Bei der Philosophin Brigitte Scheer habe ich Leibniz‘ Monadologie und die Ästhetik von Alexander Gottlieb Baumgarten gelesen. Theologisch lernte ich bei Ingolf U. Dalferth, was es heißt, das eigene Denken analytisch zu sezieren als Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit der theologischen Rede. Ich lernte, theologische Inhalte in existenziallogische Aussagen und allgemeinlogische Beschreibungen zu unterscheiden. Für die Auseinandersetzung mit verschiedenen trinitarischen Modellen initiierte Dalferth auch wechselseitige Begegnungen zwischen Studierenden und Lehrenden der Frankfurter und der Münchner Fakultät, die parallel zum Thema Trinität arbeiteten. Beides zusammen wurde für mich zu einem Bild gelebter Theologie. Bis zur Gründung dieser Zeitschrift waren es noch acht Jahre. Dennoch gab es im Rückblick Vorzeichen einer nahen digitalen Zukunft. Der Synthesizer-Sound der Pet Shop Boys, Technohouse aus Detroit, das Sampling elektronischer Musik, die Feier der DJs im Dorian Gray am Frankfurter Flughafen. An der Städelschule, der Hochschule für Bildende Künste, performte Diedrich Diederichsen Kette rauchend auf Endlospapier die Kultur der Popmusik dazu die Geschichte, dass es bald möglich sein würde, dreidimensionale Gegenstände zu programmieren und zu erzeugen. Wie man sich das vorstellen sollte, war völlig unklar, aber es klang aufregend. Marburger Unterscheidungen ...Aus dem Studium der Fächer Kunstgeschichte, Theologie und Philosophie sind für mich in den folgenden Jahren kleinere und größere Netzwerke, Kontakte und Projekte erwachsen. Nachdem ich für das weitere Theologie-Studium in Heidelberg Altgriechisch gelernt hatte, ging ich 1991 nach Marburg, auch weil am dortigen kunsthistorischen Institut Heinrich Dilly und Wolfgang Kemp lehrten. Das Funkkolleg Kunst, an dem Dilly beteiligt war, und Kemps Anwendung der Rezeptionsästhetik auf die Bildende Kunst waren Türen, die den Blick auf die eigene Disziplin und deren Verfahren weiteten.
In dieser Zeit begann ich auch das Kunstforum International zu lesen, die erste Fachzeitschrift, die ich abonnierte. Besonders wichtig für meinen eigenen Zugang zur gegenstandslosen Malerei war es, das Grundlagenbuch „Die suprematistischen Bilder von Kasimir Malewitsch“ von Gerd Steinmüller zu lesen, damals Leiter des Instituts für Kunstpädagogik an der Universität Gießen. Bei Horst Schwebel, Andreas Mertin und Bodo Nebling am Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart lernte ich, Theologie und Ästhetik als ausdifferenzierte Felder zu begreifen und den jeweiligen Differenzierungsgewinn zu erschließen. Die abendlichen Seminare zu Theologie und Postmoderne bei Wein und Brot, mit Filmen von Peter Greenaway und Kunst von Mark Tansey, waren und sind bis heute Erfahrungen ohne Vergleich. Andreas Mertin lud mich und Anne Gidion, heute Leiterin des Pastoralkollegs der Nordkirche in Ratzeburg, in diesem Rahmen erstmals ein, gemeinsam zu publizieren. Dass dies der Anfang einer langjährigen Zusammenarbeit war und zur Gründung des ersten online-Magazins für Theologie und Ästhetik führen würde, war damals noch nicht absehbar. In Marburg erfuhr ich auch vom Arbeitskreis für Theologie und Ästhetik und konnte in der Folge die Diskussionskultur kirchlicher Akademien schätzen lernen, unter anderem auf den Tagungen „Kulturtheologie heute“ (1996) in Hofgeismar und „Die Grenzen des Ästhetischen“ (1997) in Arnoldshain. ... und Münsteraner GegenwartenNach und nach verstand ich genauer, dass ästhetische Sinnbildung darin liegt, unsere außerästhetischen Verstehenszusammenhänge offenzulegen und zu unterlaufen, wie es Christoph Menke in seinem Buch die „Souveränität der Kunst“ (1988) so präzise beschreibt. Die künstlerische „Logik des Neuen“, das vermittelte mir Boris Groys, der einige Semester an der Philosophischen Fakultät in Münster lehrte, führt uns Augen, wie sich aus fortwährendem kulturellen Ein- und Ausschluss eine prozessuale Wertekultur bildet. Eine fachliche Vertiefung bedeuteten auch die Seminare am Lehrstuhl von Eckhard Lessing in Münster, bei dem ich mein Promotionsstudium im Nebenfach Theologie 1999 abschloss. Lessing lehrte uns, dass die systematische Theologie zu allererst aus theologischen Systematiken besteht, die ohne ihren historischen Ort und ihren konfessionellen Kontext nicht aufrichtig zu denken sind. Dieses Interesse an der Erforschung faktischer Theologie und ihrer Geschichtlichkeit vermittelte er mit seiner ganzen Person als Freude an der wissenschaftlichen Erkenntnis. Intensive Erfahrungen waren auch die Seminare bei seinem Assistenten Ralf Stolina, heute Professor für Systematische Theologie und Leiter des Instituts für Aus-, Fort- und Weiterbildung der evangelischen Kirche von Westfalen, der mit uns kreuzestheologisches Denken vor dem Hintergrund christlicher Mystik reflektierte. Dieser bis heute gegenwärtigen Denk- und Lebenswelt bin ich durch Gespräche mit der Klarisse Ancilla Röttger in den letzten Jahren noch nähergekommen. Während eines Praktikums 1993 an der neuen Nationalgalerie in Berlin hatte ich in Vorbereitung einer Retrospektive zum ersten Mal Arbeiten des Malers Günter Fruhtrunk gesehen, die ich ausgehend von den Analysen des Kunsthistorikers Erich Franz zum Ende meines Studiums in Münster zum Gegenstand einer Werkmonographie gemacht habe.
Während der Skulptur Projekte 1997 wirkte ich an einem Projekt vom Senatsausschuss für Kunst und Kultur der Universität Münster mit, bei dem wir Schüler*innen mit dem Künstler Tobias Rehberger in Kontakt brachten, um mit ihm über dessen Arbeit Günter‘s (wiederbeleuchtet), zu diskutieren, eine Drum and Bass-Bar auf der Dachterrasse des H1, ausgelegt mit rotem Kunstteppich. Die kuratorische Arbeit führte ich dann mit einer Dialogausstellung für die Kunsthalle Münster, damals noch eine Ausstellungshalle am Hawerkamp, weiter. „Persona mixta - Der Garten" (1999) stellte Werke der bildenden Künstlerin Silke Rehberg denen der Videokünstlerin Rotraut Pape gegenüber. Zu einer besonders wertvollen Erfahrung gehörte auch die kuratorische Assistenz der Ausstellung „Carbon“ (2003) von Simon Starling.
In der zusammen mit Andreas Mertin kuratierten Documenta-Begleitausstellung „Der freie Blick“ (2002) in der Kasseler Martinskirche hat mein Wunsch und Bemühen, dem Verhältnis von Kunst, Theologie und Ästhetik gedanklich und praktisch näherzukommen, dank der Künstler Thom Barth, Bjørn Melhus und Nicola Staeglich eine sichtbare Gestalt gewonnen. Bis dahin hatte ich meinen Schwerpunkt auf die Kunst der Moderne gelegt und mich vor allem mit der abstrakten und konkreten Kunst bis in die Nachkriegszeit und mit der zeitgenössischen Kunst der Gegenwart beschäftigt. Dazu gehörte natürlich auch die Wahrnehmung dessen, welche Kunstwerke wie in Kunstmuseen und Galerien präsentiert, vermittelt und diskutiert werden. In den letzten Jahren konnte man hier eine Akzentverschiebung beobachten, die erstmals auch Entwicklungen einer anderen Moderne reflektiert und Kunst von Menschen in den Fokus rückt, die abseits des Kunstbetriebs und außerhalb der Akademien kreativ künstlerisch tätig sind, angefangen von der Art Brut zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bis zur sogenannten Outsider Art der Gegenwart. Mit diesen Überlegungen eines erweiterten Kunstbegriffs kam ich konkret durch das Kunsthaus Kannen in Münster in Berührung, das in den letzten Jahrzehnten zu einem der wichtigsten Sammlungs- und Ausstellungshäuser von Kunst im Umfeld der Psychiatrie wurde. Zusammen mit der Leiterin Lisa Inckmann entstand das „Kunsthaus Kannen Buch“ (2016), in dem wir die Geschichte des Hauses von der psychiatrischen Sammlung bis zur Gründung eines Museums für Outsider Art nachzeichnen und die dort in Ateliers arbeitenden Künstler mit ihren Arbeiten vorstellen. Die Beschäftigung mit diesen Werken und den Bedingungen ihrer Entstehung hat mein Verständnis von Kunst als besonderer Freiraum der Schöpfung noch einmal erweitert. Nur in der ästhetischen Überschreitung unserer sozialen und kulturellen Existenz erfahren wir uns als Menschen gleich. Anmerkungen[1] Joachim Fest: Im Gegenlicht. Eine italienische Reise (Berlin 1988), Rowohlt Verlag: Hamburg 2008, S.23-24. |
Artikelnachweis: https://www.theomag.de/129/kw091.htm |