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Magazin für Theologie und Ästhetik


Déjà-vu?

Mel Gibsons Passionsspiel - (K)eine Einladung ins Kino

Andreas Mertin

Live bei der Kreuzigung Christi

Der Kino-Film "Jesus von Montreal" handelt davon, dass ein junger Schauspieler sich mit der Rolle des Jesus in einem Passionsspiel zunehmend so sehr identifiziert, dass er mit den Produzenten und Auftraggebern (den lokalen Vertretern der katholischen Kirche) und den Vertretern der Gesellschaft in einen lebensgefährlichen Konflikt gerät. Am Ende geht dieser Identifikationsprozess so weit, dass der Protagonist verfolgt wird, stirbt und - in sehr rationalisierter Form - wiederaufersteht.

Was aber wäre, wenn einmal nicht nur ein (fiktionaler) Jesus-Darsteller, sondern ein ganz realer (Kino-)Produzent und Regisseur sich mit der Geschichte Jesu so sehr identifizieren würde, dass er die notwendige Distanz (als Produzent) nicht mehr einzuhalten in der Lage ist? Dass er die grundlegende Differenz von historischem Geschehen, religiöser Deutung des Geschehens, der Umformung in theologische Lehre und einer künstlerischen Darstellung des Ganzen nicht mehr versteht, ja so tut, als sei all das dasselbe? Dass er die Erkenntnisse, die im Zuge der Kirchen- und Gesellschaftsgeschichte der letzten Jahrhunderte (nicht nur in Europa) gemacht wurden und vor allem die bitteren Erfahrungen und Lehren des 20. Jahrhunderts nicht begreift und offenbar auch nicht begreifen kann und will?

Genau das scheint mit dem australischen Schauspieler, Regisseur und Produzenten Mel Gibson geschehen zu sein, als er den Film "DIE PASSION CHRISTI" entwarf, produzierte und auch noch Regie führte. Der in der typischen Hollywoodsprache als einzigartiges Kinoereignis angepriesene Monumentalfilm, in Latein und Aramäisch gedreht und mit je landesspezifischen Untertitel versehen, zeigt die letzten zwölf Stunden im Leben Jesu: "Basierend auf historischen Quellen ruft uns der Film in ergreifender Authentizität und mit überwältigenden Bildern den Tag der Kreuzigung in Jerusalem ins Gedächtnis ... Seine Umsetzung der 'wichtigsten Geschichte der Menschheit' zeigt dem Publikum in nie zuvor erlebter, bewegender Nähe den letzten Leidensweg Christi".[1] Das Filmversprechen könnte man demnach so zusammenfassen: Live bei der Kreuzigung Christi.

Es geht mir im Folgenden (noch) nicht um die Deutung des Films selbst, der ja erst in diesen Tagen in Amerika und demnächst in Deutschland (sinnigerweise am Gründonnerstag bzw. Karfreitag) gezeigt wird. Es bleibt einer späteren Analyse überlassen, zu prüfen, was an den Vorwürfen des filmischen Antisemitismus, die im Vorfeld bereits geäußert wurden, zutreffend ist.

Mir geht es vielmehr zum einen um die Ideologie oder geistige Verfasstheit, die den Film als cineastisches Passionsspiel überhaupt erst haben entstehen lassen, und es geht mir zum anderen um die Propagandaarbeit, mit dem der fertige Kinofilm "DIE PASSION CHRISTI" im historisch belasteten Deutschland verkauft werden soll, nachdem er in Amerika unter Beschuss geraten ist. Beides hat seine erhellenden theo-ästhetischen Momente, beides berührt das Verhältnis von Religion und künstlerischer Bearbeitung religiöser Erzählungen zutiefst.


1. Reise ins Reich der Hyperrealität

Als Folie der Kritik dient mir im Folgenden ein Aufsatz aus einem Essayband von Umberto Eco und zwar seine überaus lesenswerten Äußerungen "Über Gott und die Welt".[2] Meine These lautet kurzgefasst: Wer die Hintergründe von Mel Gibsons "DIE PASSION CHRISTI" verstehen will, muss Umberto Ecos Essays über seine "Reise ins Reich der Hyperrealität" lesen (so lautet dort eine Kapitelüberschrift und gemeint ist damit Amerika).

Bei Eco heißt es: "Mithin ist der Grund dieser unserer Reise ins Reich der Hyperrealität die Suche nach Fällen, in denen die amerikanische Einbildungskraft das Wahre und Echte haben will und, um es zu bekommen, das absolut Falsche erzeugen muss".[3] Genau das scheint mir auch eine zutreffende Diagnose für Mel Gibsons Film "DIE PASSION CHRISTI" zu sein.

Umberto Eco schildert in seinem 1977 erstveröffentlichten Essay die zahlreichen Wachsfigurenmuseen Amerikas, in denen die Geschichte(n) des Alten Europas (aber auch anderer kultureller Kontexte) noch realer nachgestellt werden, als sie in Wirklichkeit je waren oder hätten sein können:

Denn "die 'Wirklichkeit' ist ein Film, doch ein weiteres Kennzeichen dieser Wachsmuseen ist, dass die Vorstellung von historischer Wirklichkeit in ihnen sehr 'demokratisch' erscheint: Das Boudoir der Marie Antoinette ist mit größter Detailgenauigkeit nachgebaut, aber ebenso akkurat ist die Szene der Begegnung von Alice im Wunderland mit dem verrückten Hutmacher. Wenn man zuerst Mozart und dann Tom Sawyer begegnet, oder wenn man die Höhle des Planeten der Affen betritt, nachdem man soeben der Bergpredigt beigewohnt hat, zu Füßen Jesu und seiner Jünger, dann ist das logische Unterscheidungsvermögen zwischen Wirklicher Welt und Möglichen Welten definitiv zersprungen. Selbst wenn ein gutes Museum, das im Durchschnitt sechzig bis siebzig Szenen mit einer Gesamtzahl von zwei- bis dreihundert Figuren aufreiht, seine Zonen irgendwie unterteilt, indem es die Welt des Kinos von der religiösen und von der historischen Welt unterscheidet, sind die Sinne am Ende der Reise so hoffnungslos überlastet, dass ihnen alles zu einem breiigen Einerlei verschmilzt: Lincoln und Doktor Faustus erscheinen gleichermaßen rekonstruiert im Stil des chinesisch-sozialistischen Realismus, Kasperle und Fidel Castro gehören definitiv zur gleichen ontologischen Kategorie."4

So gesehen dürfte die Differenz etwa zwischen einer nicht umsonst so genannten "Bibelverfilmung" im Auftrag Leo Kirchs und der Inszenierung "DIE PASSION CHRISTI" durch Mel Gibson unter anderem das konkrete Verständnis von "Nähe" bzw. "Authentizität" sein. Leo Kirchs Filmaufträge sind vor allem Einfühlungen in die Bibel, also Einfühlungen in ein Stück Literatur bzw. religiöser Erzählung, die in ihrem illustrativem Charakter auch als solche kenntlich sind; Mel Gibsons Filmwerk aber will mehr sein, es gibt sich statt dessen als eine Einfühlung in die Person Jesu Christi selbst aus, genauer: als Wiedergabe und nicht fiktionale Spiegelung von dessen Realität. Nicht Illustration, sondern Wahrheit und Echtheit ist das Ziel. Nur ist diese Art der Einfühlung vermutlich genau von jenem Stil, der das Wahre und Echte haben will und, um es zu bekommen, das absolut Falsche erzeugen muss.

Umberto Eco fährt in seiner Schilderung der Reise ins Reich der Hyperrealität fort: "Zu den Meisterwerken der Rekonstruktionsbemühung (und des Bestrebens, 'mehr' zu bieten, also 'besser' zu sein) gelangt man indessen erst, wenn diese Industrie der totalen Ikonizität das Problem der Kunst angeht. Auf der Reise von San Francisco nach Los Angeles hatte ich das Glück, sieben wächserne Reproduktionen des Abendmahls von Leonardo zu sehen ... Alle präsentieren sich neben Vergleichsmustern des 'originalen' Vorbilds, und naiverweise erwartet man nun vielleicht, bedenkt man die Entwicklung der photomechanischen Reproduktionstechnik, dass diese Vergleichsmuster erstklassige Farbkopien des originalen Freskos sind. Irrtum, denn mit dem Original verglichen könnte die dreidimensionale Kopie ja abfallen. Also stellen sich zum Vergleich mit der wächsernen Nachbildung mal eine Minireproduktion in Holzschnitzerei, mal eine Gravur aus dem 19. Jahrhundert, mal ein moderner Wandteppich, mal eine Bronze. Begleitet von einer Kommentarstimme, die insistierend auf die enorme Ähnlichkeit der Wachsfigur hinweist, und angesichts derart kümmerlicher Modelle ist die Wachsfigur zweifellos überlegen. Auch entbehrt die Lüge nicht einer gewissen Rechtfertigung, denn das Kriterium der Ähnlichkeit, ... bezieht sich nie auf die formale Ausführung, sondern immer nur auf das Sujet: 'Beachten Sie, wie exakt Judas dieselbe Haltung einnimmt, wie Sankt Matthäus ...' usw."[5]

Wir werden derartigen Vergleichen noch im Rahmen der Propaganda für den Film von Mel Gibson in frappierender Weise wieder begegnen ("Gemessen an diesem Werk wirken frühere Verfilmungen der Kreuzigung wie Hollywood-Stangenware"), hinzuweisen ist zuvor aber noch auf den spirituellen Gestus, der derartige Inszenierungen offenkundig seit jeher durchzieht: "Gewöhnlich erfolgt die Epiphanie des Abendmahls im letzten Saal, mit symphonischer Backgroundmusik in einer Atmosphäre von San et Lumiere. Nicht selten tritt man in einen Raum, und das wächserne Abendmahl ist hinter einem Vorhang, der sich langsam öffnet, indes eine Tonbandstimme feierlich tief und ergreifend verkündet, man werde nun eine der außergewöhnlichsten spirituellen Erfahrungen seines Lebens machen, von der man hernach allen Freunden und Bekannten erzählen müsse. Alsdann folgen Informationen über Christi Erlösermission und die Außerordentlichkeit des dargestellten Ereignisses, zusammengefasst mit Bibelzitaten. Schließlich Hinweise auf Leonardo, das Ganze durchdrungen von tiefer Ergriffenheit angesichts des Mysteriums der Kunst ... Wir sind vom Schauer der Hehren Kunst gestreift worden, wir haben die erregendste spirituelle Erfahrung unseres Lebens gemacht, wir haben das kunstvollste Kunstwerk der Welt gesehen! Es befindet sich fern von hier, drüben in Mailand, was so was Ähnliches ist wie Florenz, alles Renaissance, vielleicht werden wir niemals hinfahren, aber wozu auch, die Stimme hat uns verkündet, dass jenes ferne Fresko schon ganz verblichen ist, kaum noch zu sehen, gewiss nicht imstande, uns die erhabene Emotion zu vermitteln, die wir von diesem dreidimensionalen Wachsbild empfangen haben, das eben realer ist und mehr bietet."[6]

Die Philosophie dieser Inszenierungen, darauf macht uns Umberto Eco aufmerksam, heißt nicht, "wir geben euch die Reproduktion, damit ihr Lust auf das Original bekommt", sondern "wir geben euch die Reproduktion, damit ihr kein Verlangen mehr nach dem Original habt". Ähnliches könnte in fataler Weise für Gibsons "DIE PASSION CHRISTI" zutreffen.


Just the way it happened

Die Nachrichten darüber, wie Mel Gibson selbst die Sache angegangen ist, sind widersprüchlich, vor allem widerspricht Gibson sich selbst in ein und derselben Äußerung. Im März 2003 sagt er der NewsMax Wires, er zeige die Passion "just the way it happened. It's like traveling back in time and watching the events unfold exactly as they occurred". Nun ist die Zeitreise tatsächlich eher ein Hollywood-Motiv, an dem schon viele Autoren gescheitert sind, erweist sich das Ziel der Reise doch nur allzu oft als simple Projektion der eigenen Gegenwart. Darüber hinaus ist immer noch nach der Perspektive zu fragen, mit der das historische Geschehen gezeigt wird, denn so naiv, dass es ein historisches Geschehen an sich - das heißt ohne Perspektiven - geben könnte, kann doch selbst Mel Gibson bei aller Sektiererei nicht sein. Aber dann fügt Gibson seiner Äußerung unmittelbar hinzu: "I'm telling the story as the Bible tells it". Was denn nun? Just the way it happens oder as the Bible tells it? Das ist - außer in den Augen mancher Fundamentalisten oder Traditionalisten - eben nicht dasselbe. Ganz abgesehen davon, dass "the Bibel" ein abstrakter Begriff für die divergenten Berichte der Evangelien über das Geschehen ist, sind letztere - nicht nur angesichts des zeitlichen Abstands, der sie vom Erzählten trennt - eben Deutungen des Geschehens, Kerygma und nicht historischer Report.

Seinen Kritikern hält Gibson im Londoner Observer London vor, sie störe doch nur, dass er akademisch nicht vorgebildet sei, und sich dennoch an dieses von Wissenschaftlern traktierte Thema wage. Fakt sei aber: "Just get an academic on board if you want to pervert something." Auch das reiht sich ein in die Reihe der fatalen Stereotypen, die im Kontext des Films immer wieder auftauchen. Kritik und die Forderung nach Korrekturen an der naiven Darstellung und nach historischer Differenzierung werden als "Perversion" gewertet und abgewehrt.

Just the way it happened - das ist nun eine Reise ins doch eher fiktionale Reich der Hyperrealität. Selbst unterstellt, es gebe so etwas wie Augenzeugenberichte über die wir verfügen könnten, dann wäre der Weg zur authentischen Darstellung dennoch versperrt, sind doch auch Augenzeugen nur perspektivische Überlieferer. Just the way it happened gibt es retrospektiv nicht. Just the way it happens as the Bible tells it - das ist ein unreflektierter christlicher Biblizismus, der heute nicht einmal mehr ansatzweise Zustimmung findet oder zumindest nicht finden sollte.[7]


2. Propaganda

Propaganda - [lateinisch] die, ursprünglich Bezeichnung für die Verbreitung der christlichen Glaubensüberzeugung (nach der 1622 gegründeten Congregatio de propaganda fide ["(Päpstliche) Gesellschaft zur Verbreitung des Glaubens"]); heute die gezielte Verbreitung bestimmter politischer, religiöser, wirtschaftlicher, aber auch künstlerischer oder humanitärer Ideen; allgemein die publizistische Beeinflussung, ihre Inhalte und Methoden, auch die Beeinflussung durch Werbe- und Wahlkampagnen. [Brockhaus]

Die Propaganda für den Filmstart in Deutschland kann sich sehen, vor allem aber lesen lassen. Der Redaktion des Magazins für Theologie und Ästhetik flatterte von der Constantin-Film ein Papierkonvolut in den Briefkasten, das offenkundig den religiösen und gesellschaftspolitischen Besorgnissen, die aus Amerika herüberklangen, vorbeugen sollte. Es handelte sich geradezu um ein propagandistisches Breitbandantibiotikum. Schon im Anschreiben hatte es wie bereits erwähnt in überschießender und vermutlich doch unfreiwilliger Komik geheißen: "Basierend auf historischen Quellen[8] ruft uns der Film in ergreifender Authentizität und mit überwältigenden Bildern den Tag der Kreuzigung in Jerusalem ins Gedächtnis". Daran stimmt zwar nicht einmal ein Halbsatz, aber wen kümmert das schon? Künftig feiern wir nicht mehr Abendmahl, sondern gehen ins Kino - oder zeigen einen Film im Gottesdienst.

Lange bevor es überhaupt zur Erläuterung des Film-Inhalts kommt, werden im Pressematerial der Constantin-Film dann seitenlang Lobeshymnen vorgetragen.[9] Einige der Lobpreisenden kennt man (den legendären baptistischen Erweckungsprediger und Fernsehevangelisten Billy Graham etwa). Andere scheinen von eher untergeordneter Bedeutung. Sie sind fast alle ein Spiegel fundamentalistischer und nicht-reflektierter Weltanschauungen. Insgesamt sind die Stellungnahmen freilich - zumindest für theo-ästhetische Lektüren und zumal dann, wenn sie von Theologen und Evangelisten stammen - derartig irritierend, dass wir sie den Leserinnen und Lesern nicht vorenthalten wollen. Deshalb im Folgenden eine exemplarische Zusammenstellung, bevor wir zur sachlichen Auseinandersetzung mit der Problematik der in den Hymnen zum Ausdruck kommenden Kriterien der Beurteilung kommen.


  • Beginnen wir mit den religiösen Stimmen und dabei mit einem inzwischen schon vergangenen Mythos des Alltags (so Roland Barthes), dem Evangelisten Billy Graham. Er sagt zum Film:

    Ich habe mich schon oft gefragt, wie es wohl gewesen sein muss, damals als Augenzeuge die letzten Stunden Jesu vor seinem Tod mitzuverfolgen. Nachdem ich jetzt DIE PASSION CHRISTI gesehen habe, habe ich das Gefühl, ich wäre tatsächlich dabei gewesen. Ich war zu Tränen gerührt.

    So hätte Billy Graham vermutlich auch geklungen, wäre er wirklich dabei gewesen: eben zu Tränen gerührt. Die kokette Anspielung auf Johannes 20, 29 sei ihm aber nicht verziehen.

  • Ted Haggard, seines Zeichens Vertreter des "Nationalen Dachverbandes der Protestanten" deklamiert:

    Ich habe den Film gesehen. Er hält sich eng an die Vorlage. Mel Gibson ist ein unglaublicher Künstler. Er hat es auf wundervolle Art geschafft, eine eindrucksvolle Geschichte zu vermitteln ... Hier werden auf eine wunderbare Weise Ereignisse im Leben unseres Herrn Jesu porträtiert.

    Die Bibel als drehbuchreife "Vorlage" für Kinofilme. Und wir lernen: nicht nur Jesus, auch Mel Gibson bewirkt Wunder, wenn auch nur filmische.

  • Pat Robertson, Verwaltungsratsvorsitzender und Hauptgeschäftsführer des Christian Broadcasting Network, lenkt das Augenmerk auf die merkantilen Vorzüge, die im Christentum liegen:

    "Ohne Frage ist dies der beste Film, der je zu diesem Thema gedreht wurde. [...] Meines Wissens gibt es mindestens 50 Millionen Protestanten in den U.S.A. und beinahe ebenso viele Katholiken. Nach allem, was ich gehört habe, ist in diesen Gruppen unter denjenigen, die von dem Film gehört haben, das Interesse daran sehr groß. Ich gehe einmal davon aus, dass Sie ein sehr zahlreiches und enthusiastisches Publikum haben werden."

    Auch dies offenkundig keine bittere Ironie und Kritik an dem Vorhaben von Mel Gibson.

Jedoch sind es nicht nur die Protestanten, die ihre Schleimspur auslegen.

  • Der Vatikan, und hier in Gestalt des Präfekten Kardinal Castrillón Hoyos, äußert sich folgendermaßen:

    Dieser Film ist ein Triumph der Kunst und des Glaubens. Mit seiner Hilfe wird man zukünftig die Person Jesu Christi und seine Botschaft verstehen können. Ich bin zuversichtlich, dass er jeden, der ihn sieht, zum Besseren verändern wird, sowohl Christen als auch Nicht-Christen.

    Die Äußerung, dass wir Mel Gibsons bedürften, um Christus zu verstehen, ist entweder Slapstick oder Dummheit. Im Internet und in der Presse gibt es übrigens eine irrwitzige Diskussion darüber, ob der Papst den Film schon gesehen und vor allem seine Betrachtung erlaubt hat.

  • Und schließlich darf auch kein Vertreter des Judentums fehlen - wurde dem Film doch massiver Antisemitismus vorgeworfen. Hätte man mir freilich diesen Text ohne Kontext vorgelegt, ich hätte ihn glatt für einen Fake gehalten, aber so steht zu befürchten, dass er echt ist. Matt Drudge vom Drudge Report (er wird als König des Internet-Tratsches charakterisier) schreibt:

    Dies ist der ultimative Film. Ein Wahnsinn. Der beste Film, den ich seit langem gesehen habe, und bei dieser Vorschau hatten sogar Leute wie Jack Valenti Tränen in den Augen. Wir waren bei dieser Vorführung etwa dreißig Personen. Der Film beschreibt die Auseinandersetzung zwischen Jesus und denjenigen, die ihn ans Kreuz schlugen, und als Jude muss ich wirklich sagen, dass ich DIE PASSION CHRISTI für einen hinreißenden Film halte, der einem die Gefahren des Lebens auf der Erde vor Augen führt.

    Da verbietet sich jeder Kommentar.

Aber es sind nicht allein die Vertreter der diversen religiösen Glaubensrichtungen, die mit ihren Sermonen zugleich erheitern und abstoßen.

  • Nehmen wir als weiteres Beispiel William Peter Blatty, als "sachkompetent" ausgewiesen durch seine Regiearbeit am Film "Der Exorzist":

    DIE PASSION CHRISTI ist ein Meisterwerk. Mehr als das. Ich liebe seinen Film und ich liebe seinen Glauben und seine leidenschaftliche Begeisterung und seinen Mut, ihn gemacht zu haben.

    Ist das nun Ernst oder ätzende Ironie? Ich fürchte Ersteres.

  • "Hier handelt es sich um ein mitreißendes Kunstwerk"

    sagt der schon von Matt Drudge erwähnte tränenreiche Jack Valenti, Präsident der Motion Picture Association of America (MPAA), aber ich bin mir nicht sicher, ob er auch meint, was er sagt.

Es treten auf: die Kolumnisten.

  • "DIE PASSION CHRISTI ist ein atemberaubendes Kunstwerk. Der Film ist ein demutsvoller Ausdruck der Gottesverehrung Mels und seiner Mitarbeiter - auf die gleiche Art, wie Händels Messias und Notre Dame Ausdruck der Gottesverehrung zu ihrer Zeit waren." [...] Jeder Christ sollte diesen Film mindestens einmal gesehen haben. [...] DIE PASSION CHRISTI ist ein Wunder"

    stammelt Barbara Nicolosi (Drehbuchautorin; Kolumnistin; Regisseurin). Jeder Christ - mindestens einmal??? Bei zwei Milliarden Christen auf dieser Erde??? So viele Plätze gibt es nicht im Kino.

  • "Gibsons Film ist eine künstlerische Vision und muss auch danach beurteilt werden. Er ist ein atemberaubendes Artefakt, ein überwältigendes Werk. Ich erinnere mich nicht, je zuvor einmal von einem Film so berührt gewesen zu sein. Er ist äußerst schmerzlich anzusehen, und doch dient die Gewalt nie dem Selbstzweck. Man hat nie das Bedürfnis, den Blick von der Leinwand abzuwenden. Der Film ist eine nervenaufreibende emotionale Reise, welche doch nie das Ziel ihrer inspirierenden Absicht verliert. Wenn sich durch Kunst überhaupt ein religiöses Erlebnis hervorrufen lässt, dann so"

    sagt: David Horowitz, von Beruf Talk-Show Moderator und Kolumnist.

  • Es handelt sich um einen gewaltigen Film und ich glaube daran, dass er sich als historisch erweisen wird - ein wahrer Höhepunkt in der Geschichte der kinematographischen Umsetzung der eindrucksvollsten Geschichte, die je erzählt wurde

    sagt die Autorin und Kolumnistin Peggy Noonan, was meint: die Rezeption sollte religiös sein.

  • "Dies ist die ästhetischste, profundeste, genaueste, verstörendste, realistischste und blutigste Darstellung dieser altbekannten Geschichte, die je als Film in die Kinos gebracht wurde"

    sagt schließlich der Kolumnist Cal Thomas, offenkundig ein Spezialist für Superlative aller Art.

Kommen wir abschließend zu den Vertretern der ehrwürdigen Presse.

  • Michael Medved konstatiert in der WASHINGTON POST :

    "Der Film ist eindrucksvoll, überzeugend und glaubwürdig. Inzwischen dreht sich die Auseinandersetzung [allerdings] darum, dass Menschen, die ihn nie gesehen haben, behaupten, er sei antisemitisch. Meines Erachtens sind diese Behauptungen ungerecht und unangemessen."

    Aber vielleicht sind sie (wenigstens teilweise) wahr? Und woran entscheidet sich das? Die ganz abstrakt so benannten "Menschen" sind übrigens Betroffene, Angehörige der jüdischen Religion, die im Film nach der Lektüre des Drehbuchs eine Fortsetzung des christlichen Antijudaismus erkennen.

  • Bill McGurn schwankt im WALL STREET JOURNAL verbal hin und her:

    "Ein bewegendes Zeugnis der Reue und der Erlösung. [...] Es steht außer Frage, dass jegliche Kunst, selbst Kunst, die sich absolute Werktreue gegenüber dem Quelltext verschrieben hat, nicht umhin kommt auszuwählen und zu kürzen und einen eigenen künstlerischen Schwerpunkt zu setzen. Wenn er [Mel Gibson] völlig falsch liegen sollte, dann ist er groß genug, um für seine Verfehlungen einstehen zu können - seine künstlerischen, historischen oder gar theologischen. Aber gewiss nicht, bevor DIE PASSION CHRISTI fertig ist und seine Kritiker ihn auch gesehen haben."

    Warten wir also darauf, dass DIE PASSION CHRISTI fertig wird. Aber was impliziert der Appell: dass jüdische Mitbürger sich antisemitische Filme anschauen müssen, bevor sie sie kritisieren? Ist das wirklich ernst gemeint? Reicht es nicht zu sagen, dass ein Film, der bestimmte Kriterien erfüllt, als antisemitisch - oder in diesem Falle vermutlich zutreffender als antijudaistisch - anzusehen ist?

  • Robert Novak von der CHICAGO SUN-TIMES ist schon halb auf dem Rückweg:

    "Im Kern der Auseinandersetzung um DIE PASSION CHRISTI geht es um die Freiheit des [künstlerischen] Ausdrucks [...]. Gemessen an diesem Werk wirken frühere Verfilmungen der Kreuzigung wie Hollywood-Stangenware."

    Auf die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks berufen sich Kritiker heutzutage in der Regel nur noch, wenn etwas sachlich misslungen ist, wenn auch in diesem Falle offenkundig weniger misslungen als andere Werke.

  • Liz Smith von der NEW YORK POST unterläuft freilich alle ästhetisch-künstlerisch-formalen Argumente, denn schließlich geht es um die Kreuzigung und da ist alles erlaubt:

    "Ich fasse es nicht, dass es Menschen gibt, die den Film bereits jetzt pauschal als gewaltverherrlichend verdammen. Was stellen die sich vor, worum es sich bei einer Kreuzigung gehandelt hat - um ein Kaffeekränzchen?"

    Was sie vergisst: beim Vorwurf der Gewaltverherrlichung geht es nicht um die Gewaltdarstellung an sich, sondern um die Art der Darstellung. Und die wird zu prüfen sein.

Bemerkenswert an dieser von der Constantin-Film wenn nicht zusammengestellten, so doch weitergeleiteten Lobhudelei ist zunächst, dass man keinerlei Informationen über den Hintergrund und die Kompetenz der zitierten Personen bekommt. Handelt es sich um renommierte Kritiker, ausgewiesene Wissenschaftler, populärkulturelle Fachleute oder sind es Teilnehmer einer Auseinandersetzung um kulturelle Werte, ja vielleicht sogar an einer Schlammschlacht um den angeblichen Einfluss jüdischer Bürger auf die öffentliche Meinung? Würde etwa Letzteres zutreffen, wäre die Rolle der Constantin-Film neu zu beleuchten, die dann zumindest fahrlässig an antijüdische Hetze in Deutschland anknüpft. Es gibt durchaus Indizien, die in diese Richtung weisen.

Wer im Internet den zitierten Personen nachspürt, stößt auf Interessantes. So ist Matt Drudge ein berüchtigter Tratsch-Kolumnist, der die Lewinsky-Affäre ins Rollen brachte, dessen Unseriosität außer Frage steht und der keinesfalls als Experte für die Seriosität einer Jesus-Verfilmung in Frage kommt. Die Mehrzahl der weiteren zitierten Stimmen stammen aus dem religiös wie politisch ultra-konservativen Lager, dem antijudaistische Töne nicht fremd sind. Die schon früh zusammen mit Kollegen mit einem kritischen Gutachten an die Öffentlichkeit getretene Theologin Amy-Jill Levine schreibt zur Gemengelage: "Gibson and his supporters in the media and elsewhere succeeded in framing the discussion as a culture war. In one corner were 'egghead perverts' who 'falsely represented themselves as a committee of the United States Conference of Catholic Bishops.' (NewsMax.com columnist Phil Brennan) We were, in due course, joined by: the 'anti-Christian entertainment elite' (radio talk show host Laura Ingraham); 'an elite media' seeking 'to destroy' Mr. Gibson (Bill O'Reilly); the 'forces of censorship' comparable to those of the Inquisition and Soviet Russia (conservative activist David Horowitz); and 'modern secular Judaism' that 'wants to blame the Holocaust on the Catholic Church.' (Gibson himself) In the other corner stood two billion Christians, whom, as Ted Haggard, president of the National Association of Evangelicals, put it, 'Jewish leaders ... risk alienating' by protesting a movie about Jesus."[10] Eine derartige Diskussion einfach nach Deutschland zu importieren, heißt, zumindest fahrlässig zu handeln. Inzwischen zeigen erste Reaktionen im Internet, dass auch im deutschsprachigen Bereich anhand der Diskussion um den Film die alten nationalsozialistischen Hetztöne wieder angefacht werden.

Dass sogar der Vatikan Gibsons Film gebilligt habe, wie von seinen Unterstützern immer wieder kolportiert bzw. zumindest suggeriert wird, ist daher stark zu bezweifeln. Amy-Jill Levine schreibt: die benannte vatikanische Quelle "was Cardinal Dario Castrillon Hoyos, who heads the Congregation for the Clergy. Significantly, Cardinal Walter Kasper, president of the Pontifical Council for the Promotion of Christian Unity, subsequently called his colleague's remarks 'purely personal.'" Das Gibson überhaupt beim Vatikan um Unterstützung nachgesucht haben könnte, ist zudem vor dem Hintergrund seiner religiösen Herkunft eher unwahrscheinlich.


Problemkreise

Die Argumentationen und Apologien der Apologeten von Gibsons Film berühren einige Problemkreise, die im Folgenden kurz angerissen werden sollen.


Das Problem des Ungläubigen Thomas

Das erste Problem könnte man mit guten Gründen das Problem des ungläubigen Thomas nennen. Übersetzt sagt es: Weil uns die biblische Geschichte so fern (Thomas meinte: so unglaublich) und ihre Auslegung durch die Pfarrer und Priester (Thomas meinte: durch die Jünger) so abstrakt wie unglaublich ist, brauchen wir Anschaulichkeit, um wieder glauben zu können. Und weil - ganz anders als zu biblischen Zeiten - Jesus nicht persönlich den Ungläubigen erscheint, springt das Hollywood-Kino in Gestalt von Mel Gibson ein, um uns globalisierten Thomas-Imitatoren cineastisch auf die Sprünge zu helfen. Und das funktioniert offenkundig sogar bei Fernsehpredigern: Nachdem ich jetzt DIE PASSION CHRISTI gesehen habe, habe ich das Gefühl, ich wäre tatsächlich dabei gewesen. (Billy Graham) Grundsätzlich aber gilt natürlich (nicht nur im Blick auf das Hollywood-Kino): Selig sind, die nicht sehen und doch glauben! Sagen wir es direkter: das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

DIE PASSION CHRISTI erweist sich so als Teil der weltweit grassierenden Erlebnispädagogik, die im kirchlichen Bereich Glauben mit Erlebnis verknüpft. Wohin das führt und was einen zugleich bis ins Mark erschrecken lässt, zeigt sich auf der deutschen Homepage des Films. Unter www.passion.film.de findet der erlebnishungrige Besucher folgendes Angebot, bei dem man nicht weißt, ob man lachen oder weinen soll:


Das Problem des Theodor Galle

Das zweite Argument nenne ich das des Theodor Galle oder "Wenn Künstler Jesus vor Augen führen". Dabei geht es darum, das richtige Bild Christi (vera icon) zu zeigen. Auf einem Kupferstich des Künstlers Theodor Galle aus dem Jahr 1603 ist im Zentrum ein kreuztragender Christus zu sehen.

Um ihn herum stehen im Halbkreis zehn Maler mit ihren Staffeleien. Jeder dieser Maler hat Christus unmittelbar vor Augen und dennoch zeigen die Werke der Künstler völlig verschiedene Inhalte. Nur ein einziger Maler im Vordergrund des Bildes hält sich an das Motiv der Kreuztragung, alle anderen Künstler weichen mehr oder weniger davon ab. Nicht nur Christus, sondern auch ein Teufel mit Hörnern, ein Geizhals mit einem Geldbeutel und eine höchst weltliche Luxuria erscheinen auf den Leinwänden. Einige der Bilder werden auch mit Allegorien der Laster gefüllt. Zwar können sich Künstler - wie Regisseure auch - berufen fühlen, christliche Geschichte(n) zu malen und dabei hoffen, dass sie den christlichen Glauben möglichst präzise ins Bild setzen. Aber offenkundig haben sie eine eigen(artig)e Vorstellung davon, wie das Geschehen auszusehen hat, sie schmücken Szenen aus, heben dies oder jenes in den Vordergrund, schmuggeln Ereignisse auf das Bild, die dort nicht hinzugehören scheinen.

Diesem Schicksal entgeht auch Mel Gibson nicht. Intentional ordnet er sich ein in die Geschichte der Versuche der wahren Darstellungen der Passion Jesu Christi, die immer doch nur Perspektiven sind und im Falle Gibsons nicht einmal originelle.


(K)eine Einladung ins Kino

Der Bewährungsfall - jenseits aller Erklärungsversuche, wie es zu dem Film gekommen ist und mit welchen Argumenten er befördert wird - ist aber tatsächlich der Film selbst. Ist er, wie einige Vertreter der jüdischen Religion in Amerika erklärt haben, tatsächlich antisemitisch? Das vermute ich zunächst einmal nicht. Kolportiert er, was wahrscheinlicher ist, aber ebenso unverzeihlich wäre, seit Jahrhunderten durch das Christentum verbreitete antijudaistische Klischees, die erst im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts problematisiert, aber offenkundig noch nicht verarbeitet worden sind? Dafür spricht vieles.[11] Vom Inhalt des Films selbst wird von den Betreibern zumindest so viel verraten:

"DIE PASSION CHRISTI zeigt mit beeindruckenden Bildern und in lateinischer und aramäischer Sprache die letzten zwölf Stunden im Leben des Jesus von Nazareth. Nach dem Abendmahl begibt sich Jesus in den Garten Gethsemane, um dort zu beten. Tief in sich gekehrt, erscheint ihm Satan und Jesus erfährt eine Vision dessen, was ihm in den kommenden Stunden widerfahren wird. Doch er widersteht der Versuchung des Bösen. Verraten von seinem Jünger Judas Ischariot wird Jesus kurze Zeit später festgenommen. Die Anführer der Pharisäer bezichtigen ihn der Gotteslästerung und verlangen seinen Tod. Jesus wird dem römischen Statthalter in Palästina, Pontius Pilatus, vorgeführt. Dieser hört sich die vorgebrachten Anschuldigungen an und erkennt schnell, dass es sich hier um einen politischen Konflikt handelt. Um einer Entscheidung aus dem Weg zu gehen, übergibt Pilatus die Angelegenheit an König Herodes. Auch dieser scheut ein Urteil und lässt Jesus zum Statthalter zurückbringen. Pontius Pilatus überlässt es nun der aufgebrachten Menge Jerusalems, offen zwischen dem Angeklagten Jesus von Nazareth und dem Verbrecher Barrabas zu entscheiden, welcher der beiden begnadigt werden soll. Das Volk entscheidet sich für Barrabas. Jesus wird den römischen Soldaten übergeben und von ihnen gefoltert. Schwer verwundet wird er wieder zu Pilatus gebracht, der ihn erneut der Menge vorführt als wolle er sagen: "Ist dies nicht genug?" Und abermals entzieht er sich dieser Verantwortung: Er befiehlt schließlich seinen Männern, dem Verlangen der Massen nachzugeben, die weiterhin den Tod Jesu fordern. Der weitere Leidensweg ist besiegelt: Jesus muss selbst das Kreuz durch die Straßen von Jerusalem bis nach Golgatha tragen. Dort wird er schließlich an das Kreuz geschlagen. Im Angesicht des Todes stellt sich Jesus seiner letzten Versuchung: der Angst, von seinem Vater aufgegeben worden zu sein."

Und bereits hier zeichnet sich die Weichenstellung ab, die einen als zögerlich charakterisierten Pilatus gegen die aufgebrachte jüdische Menge setzt - ein neutestamentliches Klischee aus der Zeit der Lösung der christlichen Gemeinde vom Judentum und ihrer Annäherung an die heidnische Umwelt. Da sich an dieses Klischees aber historisch weitreichende Folgen knüpfen, wird man besonders sensibel sein müssen und vor allem in der Beurteilung des Films auf die fortschreitenden Erkenntnisse von Historikern und Theologen in dieser Frage hinweisen müssen. Wenn nur die Hollywood-Dramatik über die Akzentuierung der Szene entscheidet (weil sich wütende Massen so schön darstellen lassen), dann muss das auch angemerkt werden.[12] Die historischen Quellen, auf die Gibson sich beruft, sind eben keine historischen Berichte, sondern von Interessen geleitete und damit interpretationsbedürftige Darstellungen. Nach dem Start des Films wird man weiter sehen und diskutieren müssen.

[Fortsetzung folgt]
Anmerkungen
  1. Presseinformation Constantin Film
  2. Umberto Eco: Über Gott und die Welt. Essays und Glossen. München/Wien 1985.
  3. Ebd., S. 41.
  4. Ebd., S. 48.
  5. Ebd. S. 51f.
  6. Ebd. S. 52f.
  7. Franz Everschor berichtet freilich im Film-Dienst, dass Gibson den Glaubensvorstellungen der Traditionalisten anhängt, einer in den USA auf 100000 Mitglieder geschätzten Glaubensgemeinschaft, die es mit der Überlieferung besonders genau nimmt und die sich nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil von der römisch-katholischen Kirche losgesagt hat.
    "Traditionalisten teilen mit Fundamentalisten deren prinzipielle Distanz gegenüber der neuzeitlichen Freiheitsgeschichte, flüchten in eine ungeschichtl. Unmittelbarkeit im Umgang mit der Glaubensüberlieferung, verfolgen ihre Ziele aber durchaus mit "neuzeitlichen" Mitteln. Auf fundamentalistische Weise schert man aus dem als verunsichernd erlebten, weil den Glauben in seinen Geltungsansprüchen relativierenden Dialog der Zeitgenossen aus und setzt dem eine hermeneutisch naive, vorneuzeitliche Sicht von Gott, Ordnung und Autorität entgegen." EKL Bd. 4/11, S. 932.
  8. Das hat, schaut man sich die inhaltliche Ankündigung des Films an, schon groteske Züge. Wo ist die "historische Quelle", die belegt, dass Jesus in Gethsemane der Satan mit einer Vision kommender Ereignisse erschienen sei? Das ist eine mehr als freie Auslegung der Anrede an die begleitenden Jünger.
  9. Alle folgenden Zitate aus der Pressemappe der Constantin-Film.
  10. Amy-Jill Levine: Mel Gibson, the Scribes and the Pharisees, RELIGION IN THE NEWS, Fall 2003, Vol. 6, No. 3.
  11. Neuere Interviews, die Gibson gegeben hat, deuten allerdings auf erhebliche Probleme, die er in der korrekten Wahrnehmung des Holocaust hat. In der New York Times stand am 4. Februar 2004 folgende Zusammenfassung zu lesen: "Ms. Noonan, a former speechwriter for President Ronald Reagan, asked Mr. Gibson about his father, a conservative Catholic who was quoted in a New York Times Magazine article last March as denying that Holocaust took place. Mr. Gibson answered that he loved his father. Ms. Noonan insisted: "You're going to have to go on record. The Holocaust happened, right?" Mr. Gibson responded: "I have friends and parents of friends who have numbers on their arms. The guy who taught me Spanish was a Holocaust survivor. He worked in a concentration camp in France. Yes of course. Atrocities happened. War is horrible. The Second World War killed tens of millions of people. Some of them were Jews in concentration camps. Many people lost their lives. In the Ukraine several million starved to death between 1932 and 1933. During the last century 20 million people died in the Soviet Union." In a letter to Mr. Gibson, Rabbi Hier wrote: "We are not engaging in competitive martyrdom, but in historical truth. To describe Jewish suffering during the Holocaust as 'some of them were Jews in concentration camps' is an afterthought that feeds right into the hands of Holocaust deniers and revisionists."
  12. Nach neuesten Medienberichten soll Gibson diesen Teil des Films verändert haben, um den Einwänden zu entgehen. Da es inzwischen diverse Fassungen des Films gibt, wird man tatsächlich die letzte Fassung abwarten müssen.

© Andreas Mertin 2004
Magazin für Theologie und Ästhetik 27/2004
https://www.theomag.de/27/am109.htm