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Magazin für Theologie und Ästhetik


Die freie Enzyklopädie

Andreas Mertin

Wiki

Nur die Wenigsten derer, die nicht schon Nutzer der freien Enzyklopädie Wikipedia sind, werden wissen, was ein Wiki ist. Aber wenn sie es nicht wissen, könnten sie in der Enzyklopädie nachschlagen und würden dort erfahren:

Wikis, auch WikiWikis und WikiWebs, sind im World Wide Web verfügbare Seitensammlungen, die von den Benutzern nicht nur gelesen, sondern auch online geändert werden können. Sie sind damit offene Content Management Systeme. Der Name stammt von wikiwiki, dem hawaiianischen Wort für "schnell". Wie bei Hypertexten üblich, sind die einzelnen Seiten und Artikel eines Wikis durch Querverweise (Links) miteinander verbunden. Die Seiten lassen sich jedoch sofort am Bildschirm ändern. Dazu gibt es in der Regel eine Bearbeitungsfunktion, die ein Eingabefenster öffnet, in dem der Text des Artikels bearbeitet werden kann.

Wer sich einmal bei der deutschen Ausgabe der Enzyklopädie umgeschaut hat, wird schnell von der Faszination dieses Lexikons angesteckt. Wikipedia ist eine Enzyklopädie, an der jeder mitarbeiten kann, jeder zugleich jederzeit bereits vorhandene Artikel - zum Guten und zum Schlechten - ändern kann, und es ist eine Enzyklopädie, die auf ihre aktuellen Lücken offensiv verweist und so den Nutzer auffordert, sie zu schließen. Seit Mai 2001 wurden in der deutschen Ausgabe (weltweit existieren Ausgaben in über 100 Sprachen) über 168.741 Artikel verfasst. Bei keinem Artikel weiß man vorab, wie gut recherchiert er ist und gerade das macht diese Enzyklopädie so wertvoll. Während es zu einem bestimmten Habitus akademischer Wissenschaftlichkeit gehört, als Quellen Werke wie den Brockhaus oder die Theologische Realenzyklopädie oder die RGG zu referenzieren und damit den Anschein einer soliden Quelle zu erwecken, weiß jeder der seine wissenschaftliche Propädeutik gelernt hat, dass jedem Lexikon immer und bei jedem Artikel misstraut werden muss. Nur dass viele eben meinen, die Überprüfung bei den Standardwerken nicht vornehmen zu müssen. Bei Wikipedia ist das anders. Hier schaut man zunächst einmal nach, wie der Diskussionsverlauf zu einem Artikel war und welche Veränderungen am jeweiligen Stichwort vorgenommen wurden; m.a.W. Wikipedia ermuntert jeden Leser dazu, die Artikel als das wahrzunehmen was sie sind: zusammenfassende intersubjektive Perspektivierungen zu einem Stichwort.

Wikipedia, auch das merkt der Nutzer schnell, ist nicht in einem wissenschaftlich-objektiven Sinne gerecht, sondern orientiert sich logischerweise an den Interessen derer, die die Enzyklopädie gestalten. Wenn die Fans von Michael Schumacher alles rund um ihren Star aufschreiben wollen und die Liebhaber der Kunst von Emil Schumacher eben nicht - dann merkt man dies der Länge der beiden Lexikonartikel an. Der Artikel zu Emil Schumacher umfasst 10 Zeilen, der Artikel zu Michael Schumacher 18 Seiten! Der Artikel zum Politiker Kurt Schumacher enthält jedoch - um den skeptischen Einwänden der Vertreter der Hochkultur entgegenzutreten - 31 Seiten. Nun ist die Bedeutungsskala von E. Schumacher zu M. Schumacher zu K. Schumacher nicht 8:18:31. Vielmehr tummeln sich im Netz eben mehr Motorsport- und Politik-Fans als Kultur-Vertreter. [Der Brockhaus in Text und Bild verzeichnet übrigens 3 Zeilen Michael Schumacher, 4 Zeilen Ernst Schumacher und 18 Zeilen Kurt Schumacher.]

Und es liegt auch in der Logik der Sache, das diejenigen, die Artikel in die freie Enzyklopädie Wikipedia eintragen, in älteren Lexika nachschlagen und so ältere Irrtümer übertragen und nicht den neuesten Forschungsstand. Ein Beispiel aus dem Sachgebiet des Magazins ist etwa die Bezeichnung Biblia pauperum. Noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts wurde in den Fachlexika verbreitet, die Biblia pauperum sei eine Bilderbibel für die des Lesens Unkundigen gewesen. Das war schon immer - nicht zuletzt aus sozialökonomischen Gründen - unsinnig. Tatsächlich ist die Biblia pauperum eine Bilderbibel mit einer typologischen Gegenüberstellung von Altem und Neuem Testament. Vermutlich lernte an ihrem Beispiel der niedere Klerus das Predigen oder die Auseinandersetzung in den Diskussionen mit den Katharern (die "Armen Christi"). Im Brockhaus wird dieser Tatbestand in knappen Worten auch so geschildert. Am Präzisesten und Anschaulichsten ist übrigens der entsprechende Artikel in Microsofts Encarta. In der Wikipedia gibt es das explizite Stichwort "Biblia pauperum" noch nicht, aber in drei Artikel wird "Biblia pauperum" als Bilderbibel für die des Lesens Unkundigen charakterisiert. Anders aber als etwa in älteren Lexika kann aber bei der Wikipedia jeder sofort hingehen und den Irrtum aufklären und die entsprechenden Artikel ändern.

Und natürlich ist es so, dass Quellen aus dem Netz eine höhere Gewichtung bekommen als ihnen in akademischer Literatur zugewiesen wird. Die Autoren schlagen natürlich als quasi Eingeborene des Internets zunächst dort auf der Suche nach Informationen nach.

Über die einzelnen Artikel hinaus gibt es auch noch so genannte Portale, die die einzelnen Artikel fachspezifisch sortieren und nicht zuletzt dafür sorgen, dass fehlende Artikel so schnell wie möglich ergänzt werden. Diese Funktion von Wikipedia geht weit über die normalen Lexika hinaus. Das Portal Kunst ist relativ jung und ist daher noch nicht recht ausdifferenziert, das Portal Religion verfügt dagegen über eine reiche Struktur.

Hinzu kommen noch die Kategorien zu den einzelnen Oberbegriffen. Hier wird etwa zum Stichwort "Kirchenbau" noch einmal aufgelistet, zu welchen Unterbegriffen es bereits Artikel in der Enzyklopädie gibt. Losgelöst davon gibt es noch die Kategorie "Kirchengebäude" die konkreten Kirchenbauten gewidmet ist und schon allein aus diesem Grunde wesentlich umfassender ist. Das alles lässt eine gute systematische Erschließung eines Themenbereichs zu. [Nebenbei bemerkt erlaubt das in pädagogischen Kontexten, die Logik von Gliederungen und Untergliederungen zu besprechen.]

Im Herbst 2004 hat die Digitale Bibliothek eine Ausgabe der Enzyklopädie Wikipedia auf CD-ROM vorgelegt, einen Schnappschuss vom 1. September 2004 sozusagen, der - so unsinnig er auf den ersten Blick angesichts eines auf permanente Veränderung angelegten Werkes zu sein scheint - zumindest erlaubt, in aller Bequemlichkeit den bisherigen Textbestand zu durchsuchen und sich vor allem mit der Struktur der Enzyklopädie vertraut zu machen. Ich rate allen LeserInnen des Magazins, sich bei Ihrem Buchhändler eine derartige CD-ROM zu besorgen. Alternativ kann man sich den Datenbestand auch über das Internet herunterladen und mit Hilfe einer Software der Digitalen Bibliothek erschließen. Näheres findet man unter http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Wikipedia-CD.


© Andreas Mertin 2004
Magazin für Theologie und Ästhetik 32/2004
https://www.theomag.de/32/am133.htm