Dr. Faustus

Eine Predigt*

Hans-Jürgen Benedict

Liebe Gemeinde. Vor 200 Jahren erschien an Ostern der Faust von Goethe. Faust schließt einen Teufelspakt zum Zwecke der Erkenntnis und der Lebenssteigerung. Der muntere Teufel Mephisto ist eine witzig-geistreiche Figur. Von Gott zugelassen ist er der Geist, der stets verneint, ein Teil von jener Kraft , die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Durch die Darstellung von Gründgens geradezu klassisch geworden erfreut er uns durch seinen Scharfsinn und Witz. 140 Jahre später, die Schrecken des 2.Weltkriegs liegen gerade zweieinhalb Jahre zurück, erscheint der Dr. Faustus-Roman von Thomas Mann. Hier geht es nicht so witzig, vielmehr sehr ernst zu.

Vor allem altdeutsch, skurril, dämonisch und musikalisch. „Es ist ein großer Fehler der Faust-Sage und des Gedichts, dass sie Faust nicht mit der Musik in Verbindung bringen. Er müsste musikalisch, müsste Musiker sein“ (heißt es in Thomas Manns großer Rede „Deutschland und die Deutschen“ aus dem Jahr 1945) Der Dr. Faustus ist zunächst ein Künstler-Roman über den deutschen Tonsetzer Adrian Leverkühn. Die verhängnisvolle Infektion des Musikers Leverkühn bei einer Prostituierten wird als Verschreibung an den Teufel gedeutet. Dieser verheißt dem Musiker eine gedankliche Erleuchtung, die zur Erfindung neuer Kunst, der Zwölftonmusik führt.

Für Thomas Mann ist der geniale Künstler Leverkühn zugleich Allegorie des sich dem faschistischen Größenwahn verschreibenden Deutschland, dem sein Gutes zum Schlimmsten ausschlägt. 1943 als der Zusammenbruch, besser die Niederlage Deutschlands sich abzeichnet, beginnt Thomas Mann den Roman zu schreiben, sein persönlichstes, sein ungeheuerlichstes Buch, ein Leidensbuch, wie er sagt. Vom Teufel im aufgeklärten 20.Jahrhundert zu reden lag nahe, weil das Böse in der Gestalt Hitlers und im Faschismus sich ja auf geradezu schlimm dämonische Weise gezeigt hatte. Während die Theologie entmythologisierte, der berühmte Rudolf Bultmann 1940 dem Sinne nach: Man kann im Zeitalter des Radios und des Kühlschranks nicht an Teufel, Engel, Auferstehung glauben, remythisierte Thomas Mann ,redete vom Teufel in der deutschen Kunst und der Machtpolitik. Natürlich glaubte Thomas Mann nicht in einem buchstäblich platten Sinn an den Teufel, etwa derart dass er nach ihm wie Luther ein Tintenfass wirft. Nicht einmal so wie es seine Romanfigur, der Theologie-Professor Klump in Halle getan hat, der mit dem Teufel auf vertrauten wenn auch sehr gespannten Fuße stand. Er sprach zum Ergötzen seiner Studenten drastisch von der Hellen und ihrer Spelunck, von St.Velten; Meister Kleppelin, dem schwarzem Kesperlin. Und der einmal zu Hause, nachdem er den Studenten zu schepperndem Gitarrenspiel etwas vorgesungen und seine Frau ums Mieder gefasst hatte, ausrief: „Seht da steht er in der Ecke, der Speivogel, der Wendenschimpf, der traurige saure Geist und mag nicht leiden, dass unser Herz fröhlich sei in Gott bei Mahl und Sang! Soll uns aber nichts anhaben, der Kernbösewicht, mit seinen listigen bösen Pfeilen. Apage“ donnerte er, griff eine Semmel und schleuderte sie in den finstersten Winkel.“ (146)

Das ist natürlich eine Parodie von Luthers Tintenfass-Wurf. Trotzdem meinte Thomas Mann: „Wo überhaupt Theologie ist, gehört auch der Teufel zum Bild gehört und behauptet seine komplementäre Realität zu der Gottes.“ Immer wieder hat Thomas Mann den Verführer literarisch gestaltet. Der Teufel ist politisch die Realisation des Bösen im Bruder Hitler, künstlerisch vor allem das Mittel der Inspiration und Verführung. Thomas Mann hat das faschistische Deutschland leidenschaftlich bekämpft und sich zugleich mit ihm identifiziert, weil er Teile davon in sich erkannte. Er sieht eine besondere Verbindung des deutschen Gemüts mit dem Dämonischen. Deswegen sagt er in der Rede 1945: „Wo der Hochmut des Intellekts sich mit seelischer Altertümlichkeit und Gebundenheit gattet, da ist der Teufel.“ Das sieht Thomas Mann besonders in der deutschen Kunst – in Deutschlands Innerlichkeit, Musikalität, Romantik. Durch Teufelslist schlägt ihm sein Bestes zum Bösen aus. Das sieht aus wie eine Entschuldigung, ist es aber nicht. Im Gegenteil, es ist der Versuch einer Klärung und Selbstbesinnung, wenn man so will eine literarische Aufarbeitung der Vergangenheit. Der Roman schildert die Versuchung Jesu unter heutigen künstlerischen Bedingungen. Kunst ist für Thomas Mann hohe Geistigkeit gepaart mit Lebensverzicht und Sympathie mit dem Tod.

Schauen wir uns die Hauptfigur einen Moment genauer an. „Um ihn war Kälte“ heißt es. Adrian Leverkühn, 1885 geboren, ist Sohn bäuerlicher Eltern eines Hofes nahe bei Kaisersaschern, in der Mitte Deutschlands, wo Kaiser Otto III begraben liegt, denken wir uns Quedlinburg, eine Stadt noch mittelalterlich hysterisch, jede Zeit konnte ein Geißlerzug um die Ecke biegen, Adrian ist wie man heute sagt ein Hochbegabter. Vom Vater, der mystisch getönte naturwissenschaftliche Experimente anstellt, erbt er die spekulative Begabung und den Hang zur Migräne. Er beginnt in Halle Theologie zu studieren, wechselt dann nach Leipzig zum Kompositionsstudium. Er wählt die Musik, „weil sie ihm eine magische Verbindung aus Theologie und der unterhaltenden Mathematik erscheint, sie ist Alchemie, Abtrünnigkeit im Glauben, Abtrünnigkeit ist ein Akt des Glaubens, und alles ist und geschieht in Gott, besonders auch der Abfall von ihm“ (GKFA 193)

Er wird bei einem ersten Besuch in Leipzig von einem Dienstmann in ein Bordell geschleppt. Konsterniert geht er durch den Raum auf ein Klavier zu und schlägt dort wie gedankenverloren den Tritonus-Akkord aus dem Finale des Freischütz an, der als Akkord des Satans gilt, wird von einer Prostituierten berührt, eine Frau, die er später in Pressburg aufsucht und mit der er trotz ihrer Warnung vor ihrem kranken Körper schläft. War es nicht ein Akt der Liebe, fragt der Erzähler, dass sie dies tat? „Und war es nicht Liebe auch, oder was war es, welche Vergessenheit, welcher Wille zum gottversuchenden Wagnis, welcher Trieb, die Strafe in die Sünde einzubeziehen?“ Leverkühn merkt, wie die künstlerischen Mittel der großen Komponisten seiner Zeit funktionieren, merkt wie es gemacht wird, sagt sie taugten nur noch zur Parodie. Eine neue Musiksprache muss her. Er beginnt zu komponieren, zieht nach München und fährt mit einem Freund nach für längere Zeit nach Italien. Dort in Palestrina, kommt es zum Teufelsgespräch, das Sie eben in Auszügen gehört haben..

In Gegenwart des Teufels ist es kalt. Er hat einen ironisch-zynischen Ton, spricht die Fakten ungeschminkt aus. „Begabt aber lahm ist der Deutsche. Begabt genug sich an seiner Lahmheit zu ärgern und sie auf Teufel komm raus durch Illumination zu überkommen. Du, mein Lieber hast wohl gewusst was dir fehlte, und bist recht in der Art geblieben als du deine Reise tatst, und dir salve venia, die lieben Franzosen, holtest.“ (334) Das sind die kleinen Flagellaten der Syphilis, die durch Ansteckung ins Gehirn dringen und zur Illumination führen. Und dann bringt der Teufel es auf den Punkt: „Eine wahrhaft beglückende, entrückende ,zweifellose und gläubige Inspiration, eine Inspiration, bei der es keine Wahl des Besseren und Basteln gibt, bei der alles als seliges Diktat empfangen wird, der Schritt stockt und stürzt, sublime Schauer den heimgesuchten von Scheitel zu den Fußspitzen überrieseln, ein Tränenstrom des Glücks ihm aus den Augen bricht.“ „die ist nicht mit Gott, der dem Verstande zuviel zu tun übrig lässt, die ist nur mit dem Teufel, dem wahren Herrn des Enthusiasmus möglich.“ (GKFA 10/1,347)

Können Sie mir, bzw. dem Teufel noch folgen, liebe Gemeinde? Ich komme gleich zum Ende mit der Nacherzählung. Der Teufel sagt Leverkühn, 24 Jahre Zeit gebe er ihm, dann werde er ihn holen. Auf die Frage Leverkühns, wie denn die Hölle sei, antwortet er, dass Keller, dicke Mauern, Lautlosigkeit, Vergessenheit, Rettungslosigkeit nur schwache Symbole für ihr Grauen seien. „Hier hört alles auf, jede letzte Spur von Rücksicht auf den beschwörend ungläubigen Einwand, das könnt und könnt ihr doch mit einer Seele nicht tun: es wird getan, es geschieht und zwar ohne vom Wort zur Rechenschaft gezogen zu werden, im schalldichten Keller, tief unter Gottes Gehör, und zwar in Ewigkeit, es liegt abseits und außerhalb der Sprache, weshalb sie auch nie weiß, welche Zeitform sie darauf anwenden soll. Da wird sein Heulen und Zähneklappern.“ Tief unter Gottes Gehör. Wo bist du, Gott? Es ist als beschreibe der Teufel die Konzentrationslager, die Krematorien von Auschwitz und Treblinka, dass die Verdammten zur Qual auch noch den Spott und die Schande haben…äußerste Erniedrigung des Menschen – ist das ein Mensch wie Primo Levi, der Entronnene, in seinem Bericht über Auschwitz fragte.

Also 24 Jahre Rausch und Inspiration gibt der Teufel. Die Paktleistung des Künstlers ist Liebesverzicht. „Du darfst nicht lieben, verlangt der Teufel. Liebe ist dir verboten, insofern sie wärmt. Dein Leben soll kalt sein – darum darfst du keine Menschen lieben.. Eine Gesamterkältung deines Lebens und deines Verhältnisse zu den Menschen liegt bereits in deiner Natur, wir auferlegen dir beileibe nichts Neues - Kalt wollen wir dich, dass kaum die Flammen der Produktion heiß genug sein wollen, dich darin zu wärmen.“ Verboten ist also die wärmende Liebe, nicht die sexuelle, der der hochgeistige Adrian in der Begegnung mit der Prostituierten ja auch am schnödesten preisgegeben war. Verboten ist wärmende Freundschaft, Hausstandsliebe und Ehe, das Eheprojekt Leverkühns scheitert gründlich, auch die Liebe zu dem elfenhaften Kind Nepomuk, seinem Neffen. Der Teufel holt es durch die tödliche Hirnhautentzündung. Leverkühn schreibt daraufhin seine Dr.Fausti Weheklag, die Zurücknahme des Jubels der 9.Sinfonie von Beethoven. Kurz darauf ,1930, bricht bei ihm der Wahnsinn aus.

Er stirbt 1940. Der Roman schließt mit einer Beschreibung Nazideutschlands kurz vor dem Sieg der Alliierten: „(Deutschland) stürzt, von Dämonen umschlungen, über einem Auge die Hand und mit dem andern ins Grauen starrend, hinab von Verzweiflung zu Verzweiflung? Wann wird es des Schlundes Grund erreichen? Wann wird aus letzter Hoffnungslosigkeit ein Wunder, das über den Glauben geht, das Licht der Hoffnung tragen? ein einsamer Mann faltet seien Hände und spricht: Gott sei eurer armen Seele gnädig, mein Freund, mein Vaterland“.

Eine ebenso bewegende wie hochkomplexe Geschichte des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn. Aber: Ist das nicht ein bisschen weit hergeholt? Kann uns das heute noch etwas sagen? Der Teufelspakt als Mittel künstlerischer Steigerung? Bei Schlingensief und Jonathan Meese mit ihren Extravaganzen mag man das ja noch zuweilen empfinden. Und die Installationen des Kreuzwegs haben vielleicht manchen Kirchenbesucher daran denken lassen, dass es nicht ganz mit rechten Dingen bei den Künstlern von heute zugeht. Kunst ist verrückt. Aber sind wir da unter den Bedingungen der Avantgarde-Kultur nicht schon wieder beim Teufel? Jeder kennt die Geschichten von früh am erhöhten Drogenkonsum verstorbenen Pop-Musikern. Künstler leben gefährlicher als wir normalen Menschen. Rausch, Drogen, Alkohol, Überarbeitung sind Mittel der Inspiration und zugleich der Lebenserschöpfung. Siehe den Filmemacher Rainer Maria Faßbinder. Aber Teufelspakt doch eher nicht.

Trotzdem frage ich: Wo suchen wir Lebenssteigerung durch so etwas wie einen Teufelspakt? Politisch, ökologisch, persönlich, theologisch?

Wissen Sie, was mir als erstes einfiel? Der Predigteinfall. Der Pastor ist ja ein Wortkünstler in ständiger Verlegenheit. Eine gute Predigt, die den Hörer erbaut, unterhält, tröstet ,in Frage stellt und belehrt, je nach der Gattung, hängt vom kreativen Predigteinfall ab. Ich vermute, es gibt tausende, was sage ich, zehn-, hunderttausende von Pfarrern in der Vergangenheit und Gegenwart, die angesichts der sonntäglichen Predigtaufgabe um den Predigteinfall ringen und schier verzweifeln, weil ihnen nichts ein- und beifällt. Da ist der alte Text, für heute Exaudi zum Beispiel das Johannesevangelium 15/16. Sie wälzen Kommentare, greifen zu Predigthilfen und -studien, schauen in der Tageszeitung nach zwecks Aktualität, sehen sich die Tagesschau an, erinnern sich an ihre letzen Kinoerlebnisse, an seelsorgerliche Erfahrungen, an Alltagsereignisse, an Familiengeschichten. Es will alles nicht helfen. Natürlich Erinnern sie sich an den großen Karl Barth – wir sollen von Gott reden, aber wir können en es nicht, das ist unsere Situation. Natürlich rufen sie den Heiligen Geist an , den christlichen Inspirator vom Dienst , komm heiliger Geist: veni creator spiritus.. Aber je mehr man ruft umso weniger kommt er. So ähnlich wie der Kommentar des Komponisten Max Reger zu seines Kollegen Gustav Mahler großer 8.Sinfonie mit dem gewaltigen Chor Veni creator spiritus – wenn er nun aber nicht kommt, sagte Reger bissig.

Es gibt gerade bei Theologen keine Garantie auf Inspiration. Oder wenn nur die gängige, die man schon kennt, die erprobte Methode, der heilige Bogen. Da habe ich nun 5 sechs Jahre Theologie studiert, möchte der Prediger verzweifelt wie Faust sagen :da steh ich nun ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor. Aber deswegen wird er sich nicht der Magie ergeben, wird nicht den Teufel herbeirufen und so seine Seele für 24 Jahre gute Predigteinfälle verkaufen. Nein, nein, das wird er nicht tun, er wird die nächste Homiletik wälzen, die ein kluger Prof, der aber auch nicht besser predigt, am Schreibtisch entworfen hat, er wird nochmals zu den Predigtstudien greifen, dies und das montieren und dann fällt ihm/ihr doch ein guter Film ein. Adams Äpfel, Italienisch für Anfänger ,Wie im Himmel ,Matrix, Auf der andern Seite, das kann man ja erst mal erzählen und irgendwie wird sich schon eine Verbindung zum Text ergeben .

Und da unten sitzen wir, die Predigthörer, voller Erwartung zum einen, mitleidig zum anderen. Wir merken wie er oder sie da oben sich quält, oder wie er das macht, wie er Gedanken zusammenträgt, wie er Aktualitäten einbaut, wie er moralisiert, wie er die Filmerzählungen zu Hilfe nimmt, immerhin die bleiben haften, zumal wenn man den Film selbst gesehen hat, wie er ein gutes Gedicht zitiert, immerhin das ist manchmal theopoetisch gelungen, Gott hält sich ja einige Dichter, wie er schließlich den heiligen Bogen schlägt und wieder bei der üblichen Deutung auf Gott, Christus, das christliche Leben ankommt. Und wenn es dann doch vor allem eine Gedankenpredigt war, haben wir auf dem Nachhausweg schon mehr als die Hälfte vergessen, bei einer Erzähl- oder Filmpredigt ist immerhin die story da, die man erzählen kann..

Und manchmal kommt er dann doch der Predigteinfall, gerade dann wenn man ihn nicht mehr erwartet, wenn man aufgegeben hat, vielleicht eingeschlafen ist am Schreibtisch, erschreckt aufwacht, da war einem doch was eingefallen. Manchmal muss man flunkern, ich weiß noch, wie ich mal zu Joh 16 „wenn ich nicht weggehe kommt der Beistand nicht zu euch“ die Geschichte von dem Onkel erfand, der zu Besuch kam, ein Geschenk mitbrachte, das immer erst entdeckt wurde, wenn er schon wieder gegangen war. Und wie dieser Onkel so durch sein zurückgelassenes Geschenk trotz Abwesenheit präsenter war ,als durch seine Anwesenheit. Si non e vero, e ben trovato - Und ist es auch nicht wahr, so ist es doch gut erfunden heißt es in einem italienischen Sprichwort. Es war gut erfunden, und ich frage mich, hat nicht der Teufel, der Lügner von Anfang an, mir diese Geschichte eingegeben, so glaubhaft, dass eine Kollegin von mir sie in ihrer Rede bei meinem Abschied von der Hochschule allen Ernstes weiter erzählte, allerdings mein Bruder mich fragte, wer denn nun dieser Onkel gewesen sei, den habe er wohl in unserer gemeinsamen Kindheit verpasst. Ich stand bedröppelt da. Und sehen sie, liebe Gemeinde, das stimmt auch wieder nicht, denn mein Bruder hat mich das leider nicht gefragt, ich weiß nicht warum, hat er nicht aufgepasst oder hat er es auch geglaubt, ich weiß es nicht, aber ich habe es ihnen so erzählt, damit sie diese Geschichte durch diese Fortsetzung noch besser behalten – diese Flunkergeschichte vom Onkel, die die Gegenwart Jesu trotz Abwesenheit plausibel machen sollte und die es vielleicht auch besser schaffte als eine theologisch richtige aber langweilige Erklärung. Der Prediger braucht für den kreativen Predigteinfall die Hilfe des Geistes, und die ist manchmal nur durch einen bildlich gesprochen kleinen Teufelspakt zu bekommen. Aber das wäre ja theologisch legitim nach Thomas Mann, denn der Teufel gehört zu Gott, er ist das Komplementäre, was verdrängt wird, auch der Abfall von Gott geschieht noch in Gott, denn Gott ist das Ganze, das Gute wie das Böse. Und die Inspiration kommt als Verschreibung an die kreativen Mächte des Dämonischen, wozu die künstlerisch Tätigen bei aller Vernunft sich manchmal hergeben müssen. Sonst wird es langweilig, eben Kunstgewerbe.

Liebe Gemeinde, insonders achtbare Brüder und Schwestern – wir leben hier in friedlichen Zeiten, Gott sei Dank, wir sind der schrecklichen Zeit des bösen politischen Teufelspakts des Bruder Hitlers entronnen. Ein Neuanfang war möglich, und er ist sogar so gut geworden, dass wir uns des Glücks und der Wohlfahrt, die wir genießen, ein bisschen schämen müssten, im Vergleich zu anderen Ländern, die nicht so viel Böses getan haben und denen es viel schlechter geht. Das heißt nicht, dass wir nicht politisch ökologisch unter zivilen Erscheinungsformen diesen oder jenen Teufelspakt eingehen. Da ist zum Beispiel „Heller als tausend Sonnen“ die friedliche Nutzung der Atomenergie, ein faustisches Projekt. Der große Paul Tillich hat 1958 bei der Entgegennahme des Goethepreises der Stadt Hamburg die Entwicklung der Atomwaffen als eine Art Teufelspakt, als Angriff der dämonischen Mächte bezeichnet. Es sei nicht heraus, ob sich der Mensch gegenüber diesen zu behaupten vermag. Und er beschreibt dann eine Aufführung des Faust 2 im Deutschen Schauspielhaus. „Die Zweideutigkeiten aller Lebensprozesse, des Geldes, des Krieges ,der Technik, sind überall gezeigt; Mephisto fehlt nie, aber auch die Gegenkräfte fehlen nicht. Es sind die Mächte, die in allen Gebieten um Faust, den Menschen, kämpfen.“ Das haben wir 20 Jahre später, die Gruppe Hamburger Initiative kirchlicher Mitarbeiter und gewaltfreie Aktion im Protest gegen die friedliche Nutzung der Atomkraft hier auch in mehreren interaktiven Gottesdienste in der Katharinenkirche getan. Einmal ertönte die Klage der Frauen durch den Kirchenraum, einmal verteilten wir sogar kleine Sägen, um den Bauzaun in Brokdorf symbolisch anzusägen, worauf mein jetzt lieber Freund, der damalige Hauptpastor Stolt, uns die Kirche erst mal nicht mehr zur Verfügung stellte. Immerhin – jetzt gibt es den Ausstieg aus der Atomenergie bis 2020, aber weiter den Streit um das Endlager Gorleben. Von manchen auch verniedlichend Entsorgungspark genannt. Viele vor allem junge entschieden eingestellte Protestler haben erreicht, dass nächstes Jahr kein Zug mit Atommüll von La Hague nach Gorleben fährt…Solche Protesthaltung ist Geistesgegenwart unter den Bedingungen von Technik, die teuflisch-vermessen das Restrisiko negiert.

Das Mysterium der Inspiration – Ergebnis eines Teufelspakts oder Wirkung des Heiligen Geistes? beides sind Bilder, um das Übersteigen alltäglicher Erfahrung zu umschreiben – einmal etwas von Gott entfernt, einmal näher an Gottes Wirklichkeit dran, aber beides in Gott Ich schließe mit einem Zitat aus Thomas Manns wunderbar schwierigen Roman. In Leverkühns letztem Werk Dr. Fausti Weheklag „tritt zum Schluß eine Instrumentengruppe nach der anderen zurück und was übrig bleibt, womit das Werk verklingt, ist das hohe g eines Cello, das letzte Wort, der letzte verschwebende Laut, in pianissimo-Fermate langsam vergehend. Dann ist nichts mehr schweigen und Nacht Aber der nachschwingend im Schweigen hängende Ton, der nicht mehr ist, dem nur die Seele noch nachlauscht, und der Ausklang der Trauer war, ist es nicht mehr, wandelt den Sinn, steht als ein Licht in der Nacht.“

(Alternativer Schluss: Mögen wir auch keine großen Künstler sein, Lebenskünstler sind wir alle. Kreative Einfälle brauchen wir, um das Lebensgefühl zu steigern. Ich meine nicht den Hafengeburtstag, das Alstervergnügen. Sondern die lebensssteigernde, sinngebende Kunst der Begegnung. Etwa bei und mit Hinzt&Kunzt, wenn man von diesen Künstlern eine Zeitung kauft und mit ihnen ins Gespräch kommt. Oder die vielen tausend Ehrenamtlichen ,die bei den Tafeln und Kirchenküchen mitmachen, sprich bei der alten christlichen Kunst der Barmherzigkeit. Das ist auch Lebenssteigerung, die dem Teufel ein Schnippchen schlägt. Dazu helfe uns Gott.) Amen

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* St. Katharinen Hamburg. 4.5.08

Artikelnachweis: https://www.theomag.de/69/hjb04.htm
© Hans-Jürgen Benedict, 2011