Kirchenbau-Basics – für wen und wozu?

Eine Besprechung

Andreas Mertin

Das Christentum ist endgültig Geschichte geworden. Statt Theologie wird an den Universitäten immer häufiger Theologiegeschichte gelehrt und statt einer Theologie des Kirchenbaus stoßen wir zunehmend auf historisierende oder kirchenpädagogische Schriften. Da kaum noch Kirchen gebaut werden, soll und muss der Blick auf die Vergangenheit trösten. Angesichts des langsamen, aber doch kontinuierlichen Dahinsterbens der Volkskirche will man sich wenigstens vergewissern, wie bedeutsam doch die eigene Historie war und wie es sein könnte, wenn man noch etwas zu sagen hätte. Die Frage ist, wie viel Trost eine Religion aus ihrer Historisierung ziehen kann. Dass die griechische und römische Götterwelt einmal zu herausragenden kulturellen und architektonischen Leistungen geführt hat, macht sie auch nicht wieder lebendig. Blickt man auf die Fülle der in den letzten Jahren erschienenen Bücher zum Kirchenbau, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass 200 Jahre nach Hegels Historisierung der (religiösen) Kunst nun der Kirchenbau ins Stadium seiner endgültigen Musealisierung eingetreten ist.

Wenn es schon keine Zukunft mehr gibt, dann schwingt die Eule der Minerva ihre Flügel um so eifriger durch die Fluchten der Architekturgeschichte, um den säkularen Menschen des 21. Jahrhunderts von den religiös inspirierten Bauleistungen ihrer Vorfahren zu künden. Und deutlich wird: Es begann schlicht und einfach so, wie es auch aufhört, in der privaten Religion der Christen der Frühzeit, die sich im Haus versammelten, um Gottesdienst zu feiern. Von dort schwang man sich dann mit staatlicher Unterstützung in ungeahnte Höhen auf, zelebrierte das Bauen um des Bauens willens, um dann nach einer Epoche der eigenen Historisierung („ach wie schön war doch die Gotik“) wieder im Privaten zu enden, in dem man keine herausragenden Bauten mehr braucht – ganz abgesehen davon, dass man der Konkurrenz der Hochhäuser auch kein Paroli bieten könnte.

Wozu dann noch Einführungen in den Kirchenbau, wozu ein Grundwissen von einer Geschichte, die doch wahrnehmbar am Ende ist? Nichts gegen historische Erkenntnisse, aber man wüsste doch darüber hinaus gerne etwas über ihre lebensweltliche Relevanz. Ein Kunstwerk von Giotto besitzt heute Relevanz nicht nur durch seine Stellung in der Kunstgeschichte, sondern auch dadurch, dass seine Entdeckung des Raumes und der Menschlichkeit uns immer noch etwas zu sagen hat. Auf den Punkt genau: jetzt. Ein Kunstwerk von Michelangelo Merisi da Caravaggio besitzt so viel aktuelle Brisanz, dass die Gruppe R.E.M. „Losing my religion“, einem ihrer wichtigsten Stücke, als Hommage an Caravaggio gestaltet hat. Medientheologisch auf den Punkt genau: jetzt. Die Kirchen, die in dieser lebensweltlich relevanten Populärkultur der letzten Jahre vor Augen geführt wurden, waren selten gotische Kathedralen, sondern in der Regel schlichte Holzkirchen der amerikanischen Südstaaten oder einfache Backsteinkirchen der Nordstaaten (Madonna, Like a prayer; Guns’N Roses, November Rain). Allenfalls beiläufig tauchen einmal neo-gotische Stadtkirchen auf (Florence & the Machine, No light, no light).

Aber vielleicht bedarf es ja einer Einführung aus kundiger Hand, damit „Studierende der Architektur, der Kunst- und Kulturwissenschaft sowie der Theologie“ angesichts des Traditionsabbruchs davon überzeugt werden, wie (gegenwarts-)relevant das Grundwissen um den Kirchenbau ist.

Erne, Thomas (Hg.) (2012): Kirchenbau. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht (Grundwissen Christentum, 4).

Dieses Grundwissen Kirchenbau legt der Leiter des Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart an der Phillips-Universität Marburg, Thomas Erne, zusammen mit Prof. Kerstin Wittmann-Englert (Berlin), Prof. Paul Kahlfeldt (Dortmund) und Prof. Jörg Lauster (Marburg) vor. Ein praktischer Theologe, eine Kunsthistorikerin, ein Architekt und ein systematischer Theologe sollten doch in der Lage sein, dem Zielpublikum einsichtig zu machen, warum es Kirchenbau gibt und warum es so wichtig ist, „den Zugang zu den Zeugnissen des christlichen Kirchenbaus nicht zu verlieren“. Sie tun dies anhand von zwölf ausgewählten Kirchen durch verschiedene kunst- und kirchengeschichtliche Epochen auf 360 Seiten. Und sie machen es bewusst anders als die Standardwerke zum Thema, denn sie bevorzugen die „kulturphilosophische Vernetzung“ ihre Texte.

Aber ich habe doch Probleme damit, wie sie das tun. Zunächst einmal: Das Buch ist auf einem Papier gedruckt, das für gute Fotoabbildungen schlicht ungeeignet ist. Bedenkt man, dass der Leser knapp 50 Euro für dieses Fachbuch auf die Ladentheke geblättert hat, dann hätte man erwarten können, dass er eine Druckqualität geboten bekommt, die der visuellen Eigenart des behandelten Gegenstandes angemessen ist. Auf einer Vielzahl der abgebildeten Fotos sind aber kaum Details zu erkennen, geschweige denn, dass sich die Atmosphäre eines Raumes erfassen ließe. Das Papier mag für Grundrisse und Architekturzeichnungen geeignet sein, für alle anderen Abbildungen nicht. Ich glaube nicht, dass man so visuell ein Grundwissen Kirchenbau einsichtig machen kann.

Welche Verachtung muss man für die Bildenden Künste haben, um etwa Andrea Pozzos Deckengemälde in Sant’Ignazio in Rom in einem dunklen Grau in Grau abzubilden (S. 175)? Was muss man von Gerhard Richters Farbfenster im Kölner Dom halten, wenn man es auf knapp der Hälfte einer Seite in Grautönen druckt (S. 178)? Wie kann man ein Bild der Wallfahrtskirche Neviges derartig abdrucken, dass man aber auch gar nichts mehr von diesem faszinierenden Ort erkennt (S. 15)? Offenkundig dienen Fotos hier der beiläufigen Illustration und nicht der visuellen Argumentation. Wie aber soll ich Experten vertrauen, die so fahrlässig mit ihrem Gegenstand umgehen?

Und was soll ich mit einem Buch Grundwissen Kirchenbau anfangen, das schon auf der Titelseite mit Fehlern beginnt? Dort zeigt es den Blick in das renovierte Langhaus der Marburger Elisabethkirche; die Bildhistorie aber beteuert, hier handele es sich um die obere Kapelle von Sainte-Chapelle in Paris. Wie kann das geschehen? Wenn so etwas in einem Religionsbuch vorkommt, ist es ein ärgerliches Versehen, aber in einem Buch aus der Hand von ausgewiesenen Experten aus dem Bereich der Theologie, Kunstgeschichte und Architektur? Mit dem Etikett Grundwissen werden in der Regel Bücher versehen, mit den man sein Examen vorbereitet oder meinetwegen auch einen grundlegenden Vortrag in der Kirchengemeinde. Und deshalb muss hier jedes Wort und jedes Bild stimmen, muss jedes Detail zwei Mal nachgeprüft werden. Und wie die Oberkapelle von Sainte Chapelle in Paris aussieht, kann einem jeder sagen, der einmal in seinem Leben dort war, das vergisst man nie wieder und verwechselt es auch nicht. Ein solcher Fehler kann und darf einfach nicht geschehen.

Kommen wir zu einem anderen Beispiel. Auf Seite 36 findet der geneigte Leser im Kapitel über „Tempel und Grabeskirche in Jerusalem – das Modell heiliger Stätten“ folgenden Satz:

Der einzige Beleg für eine christliche Kirche vor dem Jahr 313, in dem Kaiser Konstantin das Christentum zur Staatsreligion des römischen Reiches erhob, ist in einem Privathaus in Dura Europos am Euphrat, außerhalb des römischen Reiches, gefunden worden.[1]

Und dieser Satz zeigt mir deutlich, dass der viel beklagte Traditionsabbruch inzwischen auch die Professoren der Theologie erreicht hat. Kann das denn wahr sein?

  • Nein, 313 wurde das Christentum nicht von Kaiser Konstantin zur Staatsreligion erhoben! Es war Theodosius, der im Jahr 380 mit dem Edikt Cunctos populos diesen Schritt vollzog. Auf das Jahr 313 datiert dagegen die Mailänder Vereinbarung, die unter Federführung Konstantins dem Christentum Kultfreiheit zusicherte: „sowohl den Christen als auch überhaupt allen Menschen freie Vollmacht, der Religion anzuhängen, die ein jeder für sich wählt“. Das ist Standardwissen für Abiturienten.
  • Nein, Dura Europos liegt nicht außerhalb des römischen Reiches! Es gehört selbstverständlich – wie selbst die Wikipedia weiß – „zum Imperium Romanum“. Allerdings lag sie als Grenzfestung am Rande des römischen Reiches. Sachlich gehörte sie aber etwa seit 180 nach Christus zur römischen Provinz Syria Coele, also auch zur Zeit des Baus der Kirche.
  • Nein, Dura Europos ist nicht der einzige Beleg für eine christliche Kirche vor dem Jahr 313! Hauskirchen gab es sicher zahlreiche. Dura Europos verfügt nur über die älteste archäologisch nachgewiesene Kirche, durch Inschrift datiert in die Zeit 232/233. Durch die Schriften der Kirchenväter und der Gegner des Christentums wissen wir aber, dass es noch andere Hauskirchen im römischen Reich gegeben hat. So schreibt Porphyrios (ca. 233-301) nach Christus: „Aber auch die Christen ahmen die Herstellung von Tempeln nach und erbauen sehr große Häuser, in denen sie zusammenkommen und beten“.[2] Ulrich Mell spricht sogar von einer wenn auch „geringen Zahl archäologisch nachgewiesener christlicher Kulthäuser aus der Zeit vor der Konstantinischen Wende“. In der Jesreel-Ebene im südlichen Galiläa wurde 2005 eine zeitlich parallel zur Dura Europos einzuordnende Halle gefunden, die klar als christliche Kapelle erkennbar ist. All das sollte zum Grundwissen Kirchenbau gehören.

Um mich nicht dem Vorwurf auszusetzen, ich würde hier eine übertriebene Strenge bei der Beurteilung an den Tag legen, verweise ich auf einen analogen Text im „Entwurfsatlas Sakralbau“ von Rudolf Stegers. Dieses Buch mit einer doch ganz anderen Zielsetzung (Grundwissen über die jüngere Geschichte des Kirchen-, Moscheen- und Synagogenbaus für Architekten) beschreibt in seiner knappen, sieben großformatige Seiten umfassenden Skizze des Kirchenbaus vom 4. bis zum 19. Jahrhundert das gleiche Phänomen so: 

„Bis dahin hatten sich die von römischen Statthaltern verfolgten christlichen Gemeinden ... zur Feier des Abendmahls in den Wohnhäusern ihrer bessergestellten Mitglieder getroffen. Aus manchen dieser Wohnhäuser wurden später Hauskirchen, so etwa 232/233 im heute syrischen Dura Europos ...  Die Heimlichkeit des Abendmahls schwand mit dem Jahr 312, da der römische Kaiser Konstantin es für politisch opportun hielt, die rasch wachsende Christenheit nicht länger zu unterdrücken, sondern zu unterstützen.“[3]

Vorher hatte Stegers noch auf das bis in die heutigen Tage im Kirchenbau zum Austrag kommende Spannungsfeld von Wort- und Mahlfeier hingewiesen, aus dem sich unterschiedliche Konzeptionen für den Kirchenbau ergeben. Genau so aber wünsche ich mir ein Grundwissen Kirchenbau. Mit dem, was Stegers dort für Architekten zusammenfasst, könnte auch Theologiestudierenden fürs Examen und ganz allgemein kulturell Interessierten für den Überblick gedient sein. Sie wüssten dann, warum es schon mit den ersten Reflexionen zur räumlichen Gestaltung des christlichen Glaubens im 3. Jahrhundert so immense Schwierigkeiten auftun.

Und werfen wir noch ein Blick auf andere Bücher zum selben Thema, wie sie diese Phase erarbeiten. In dem eher kirchenpädagogisch / religionspädagogisch ausgerichteten Buch „Kirchen erkunden - Kirchen erschließen“ von Goecke-Seischab und Ohlemacher werden die Hauskirchen nur beiläufig erwähnt. Dort heißt es:

„Solange die christliche Religion verboten war, mussten sich Christen heimlich treffen. Dies geschah in den Privathäusern wohlhabender Gemeindeglieder, in so genannten Hauskirchen, oder gelegentlich in Katakomben. Mit der offiziellen Duldung des Christentums, das ab 391 sogar Staatsreligion wurde, erhielten die Christen .... auch das Recht, ihre Religion öffentlich auszuüben.“ [4]

Und in dem im Magazin für Theologie und Ästhetik bereits besprochenen Buch „Gotteshäuser“[5] von Johann Hinrich Claussen wird den Hauskirchen bzw. der Kirche in Dura Europos ein ganzes Kapitel gewidmet (auch wenn die Kirche dort falsch datiert ist, nämlich auf 240 in die Zeit ihrer Erweiterung um ein Baptisterium). Sich mit der Hauskirche von Dura Europos als einer kirchenbaulichen Problemlösung auseinander zu setzen, macht daher sehr viel Sinn, weil hier die Grundlagen gelegt werden, die dann über Jahrtausende Folgen haben. Ich glaube, man kann kein Buch über den Kirchenbau schreiben, ohne sich extenso mit Dura Europos zu beschäftigen. Vor allem aber sollte man die Daten dazu korrekt wiedergeben.

Eine Marginalie ist vielleicht die fahrlässige Bezeichnung von Fotos und Skizzen. Auf Seite 284 wird der Grundriss des Ökumenischen Gemeindezentrums Freiburg-Rieselfeld mit geöffneten Schiebeflächen gezeigt, in der Bildunterschrift aber das Gegenteil behauptet. Und auf Seite 42 zeigt das Buch ein Grau-in-Grau-Bild mit der Unterschrift „Grabeskirche in Jerusalem“. Aber es handelt sich um ein Gemälde vom Inneren der Grabeskirche aus dem 19. Jahrhundert. Meines Erachtens sollte man das dem Leser auch in der Bildunterschrift mitteilen und ihn nicht zum Bildverzeichnis am Ende des Buches blättern lassen müssen, um zu erfahren dass dies ein Werk von Hubert Sattler aus dem Jahre 1843 ist, das vielleicht gut zum Stichwort Orientalismus passt und nicht im Sinne der fotografischen Wiedergabe, sondern nur der deutenden Aneignung gelesen werden kann.

Was ich schon bei Johann-Hinrich Claussens Buch „Gottes Häuser“ moniert habe, ist die Subjektivierung der Auswahl. Bei Claussen war es die Hauptkirche St. Nikolai zu Hamburg, die in die Auswahl des Buches aufgenommen wurde. Beim vorliegenden Band von Erne ist es die Marburger Elisabethkirche. In beiden Fällen wird einfach eine Kirche vom Wohnort des Verfassers gewählt, die aber nicht zwingend zu den 9 bzw. 12 wichtigsten Kirchen der Welt gehört. Ähnliches ließe sich auch zu Bartnings Sternkirche sagen. Viel Sinn macht das nicht und es hinterlässt den unguten Eindruck, dass die gesamte Auswahl willkürlich, zumindest aber sehr subjektiv ist.

Man könnte vielleicht über derartige Fehler und Konstruktionsmängel hinwegsehen, wenn hier nicht die Grundlagen zum Verstehen des Kirchenbaus der letzten 1800 Jahre gelegt werden sollten und der Herausgeber nicht der Leiter der einzigen zentralen theologischen Stelle für den Kirchenbau in der Evangelischen Kirche in Deutschland wäre. Dann aber sollten es doch die besten Bilder, die wichtigsten und programmatischsten Kirchen und vor allem zutreffende Informationen zu all dem sein. Nach der Lektüre des Buches sollten Theologen, Architekten, Kulturwissenschaftler und Gemeindevorstände wissen, wie die räumliche Gestaltwerdung des christlichen Glaubens in den verschiedenen Ausprägungen verläuft. Sie sollten nicht nur die jeweilige Programmatik eines Kirchenbaus kennen gelernt haben, sondern auch wissen, was die Zeit respektive die Konfession aus diesem Bau im Verlauf der Zeiten gemacht haben. Die gotischen Backsteinkirchen Norddeutschlands kommunizieren nach der Reformation eine deutlich andere Theologie als ihnen ursprünglich einmal zugedacht war. Und das ist wahrnehmbar und muss auch programmatisch herausgearbeitet werden. Der Leser muss am Ende des Buches eine beliebige Kirche betreten können und ihre Bausprache und ihre Theologie wie ihre Konfession erfassen können.

Das Buch

Nun aber zum grundsätzlichen Aufbau des Buches. Es gliedert sich in eine Einführung, drei zentrale Kapitel und einen abschließenden Essay. Die drei Hauptkapitel heißen:

1.      Warum gibt es Kirchen? Jerusalem – Rom – Konstantinopel

2.      „Unsere besten Jahre“. Von der Romanik bis zum Barock

3.      Stillose Moderne? Von der Klassik bis in die Gegenwart

Das erste Kapitel (S. 23-84) umfasst so in etwa die Jahre 300 bis 550, das zweite Kapitel (S. 85-193) die Jahre 1000 bis 1700 und das dritte Kapitel (194-302) die Jahre 1800 bis zur Gegenwart. Diese Grobteilung in nur drei Kapitel überzeugt mich nicht, hier wäre eine kleinteiligere kunst- bzw. architekturgeschichtliche Gliederung eigentlich besser gewesen. Warum in der Einteilung nicht zwischen Mittelalter und Neuzeit unterschieden wird, ist mir nicht plausibel. An sich wäre ja zumindest eine Aufteilung in Antike – Mittelalter – Neuzeit – Moderne nahe liegend und ermöglichte vor allem jene Brüche zu beleuchten, die die Geschichte des Kirchenbaus so interessant machen. Denn ohne Zweifel gibt es zum Beispiel einen, gerade auch kulturphilosophisch zu bedenkenden Bruch in der Entwicklung des Kirchenbaus zwischen Mittelalter und Neuzeit. Über die in den Überschriften vermittelten wertenden Konnotationen habe ich mich nur geärgert. Das ist gerade nicht Aufgabe eines Grundwissen Kirchenbau, popularisierte Sedlmayr-Vorurteile a la „stillose Moderne“ oder „unsere besten Jahre“ zu transportieren. Das gehört in pseudowissenschaftliche Elaborate und nicht in Fachbücher. Man sollte statt dessen ohne Ressentiments die historische Entwicklung aufarbeiten. Ich behaupte nicht, dass die Autoren diese Ressentiments teilen, sondern nur, dass sie sie unangemessen aufwerten, indem sie darauf eingehen.

Jedes der drei Großkapitel eröffnet mit einem einleitenden kulturphilosophischen Text von Jörg Lauster, der den Rahmen skizziert, in dem sich das Weitere abspielt. Das finde ich ganz interessant, hätte es mir aber noch kulturphilosophischer gewünscht, indem es in die großen geistigen Auseinandersetzungen der jeweiligen Zeit einführt. Dann folgt in der Regel die „religionspraktische“ (Thomas Erne) und dann die „architekturhistorische“ (Kerstin Wittmann-Englert) Vorstellung einer Kirche. Abweichungen von dieser Konstruktion gibt es nur im Kapitel über die Gotik, in der die Kunsthistorikerin die Kathedrale von Reims erläutert und der Praktische Theologe die Marburger Elisabethkirche. Im Kapitel über Rudolf Schwarz fehlt der architekturhistorische Teil dann ganz, ohne dass wirklich klar würde, warum eigentlich. Trotzdem ist dieses Disziplinen übergreifende Arbeiten in der Anlage sehr produktiv.

Zwölf Kirchen wurden als exemplarische Kirchen für ein Grundwissen Kirchenbau ausgewählt und vorgestellt:

1)     die Grabeskirche in Jerusalem, Santa Sabina in Rom, Hagia Sophia in Konstantinopel.

2)     St. Benoit in Fleury, die Kirchen in Reims u. Marburg, St. Peter in Rom, Sant’Ignazio in Rom

3)     die Friedrichswerder Kirche in Berlin, die Rundkirche in Essen, St. Fronleichnam in Aachen, Notre-Dame-du-Haut in Ronchamp, das Kirchenzentrum Freiburg

Damit stimmen nur drei der Kirchen mit der exemplarischen Auswahl von Johann-Hinrich Claussen überein. Sehr viel Einigkeit scheint es in der Objektauswahl nicht zu geben. In seiner Einleitung begründet Thomas Erne die Wahl der Objekte. Sie sei immer subjektiv und in diesem Fall neben architekturhistorischen Gesichtspunkten eben auch von der Frage nach der damit verbundenen exemplarischen Religionspraxis geleitet.

Wenn das so ist, stellt sich aber die Frage, warum der reformierte Kirchenbau, der in vielen anderen Standardwerken zum Thema doch wenigstens ansatzweise berücksichtigt wird, hier keine angemessene Beachtung findet. Dabei ist er doch wie kaum eine andere Bauform durch eine klar beschreibbare partizipatorische Religionspraxis begleitet, die sich von anderen abhebt. Und zum Grundwissen Kirchenbau samt begleitender Religionspraxis gehört das unverzichtbar hinzu. Weltweit ist die Zahl der Reformierten größer als die der Lutheraner, in Darstellungen wie diesen kommen sie aber nicht vor. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Ähnliches gilt für die orthodoxe Religionspraxis und ihre Baukultur, die auch nicht angemessen gespiegelt wird. Wenn es um Kirchenbau allgemein geht (und nicht nur den lutherischen oder katholischen Kirchenbau), dann sollte der Blick auf die Orthodoxie nicht fehlen. Aber auch nicht der Blick auf die bedeutenden Leistungen der Kirchenbauer jenseits des Atlantiks. Hier wäre eine international erweiterte Übersicht doch ganz gut gewesen.

In der Sache selbst gibt das Buch einen ganz guten Einblick in die Entwicklung des Kirchenbaus vor allem der europäischen katholischen Traditionslinie bis zum Barock und der neueren Entwicklungen in der Moderne. Zum Teil ist es vielleicht etwas zu kleinteilig in der Beschreibung der Einzelobjekte, um nur Grundwissen darzustellen, das ja in der Regel auf Abstraktionen beruht. Aber wer die einzelnen Kapitel durchgearbeitet hat, der verfügt über wichtige Informationen zu den Hintergründen und zu einigen Hauptwerken des Kirchenbaus (mit den oben genannten Einschränkungen). Hätte man auf die Hälfte der Fotos verzichtet und dafür mehr Überblicks- und Zusammenhangsskizzen eingefügt, wäre es noch besser gewesen. Wenn man sich in der Moderne etwas beschränkt hätte und dafür noch eine Kirche aus der Zeit zwischen 550 und 1000 genommen hätte (warum z.B. nicht das Kloster Reichenau), wäre der Überblick umfassender. Vor allem aber fehlen Überblicksseiten, die die ausgelassenen Kirchenbauten kurz benennen und charakterisieren.

Apropos Überblick: Mein guter alter zweibändiger dtv-Atlas zur Baukunst, den ich mir zugelegt habe, als ich mich Anfang der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts für den Kirchenbau und die Architektur allgemein zu interessieren begann, ist ja durch die dezidierte Bemühung um Überblick charakterisiert. Und um dem Leser deutlich zu machen, wie komplex das Nachdenken über die Architektur(geschichte) ist, eröffnet der dtv-Atlas sein Grundsatzkapitel zur Baugeschichte mit einem Schaubild unter dem Titel „Stilbildung am Beispiel der Kathedrale von Reims“, also der gleichen Kathedrale, die auch das Grundwissen Kirchenbau ausgewählt hat. Dieses Schaubild zeigt komprimiert auf einer Seite, sehr schön farbig strukturiert, „die Vielfalt gestalterischer Kräfte innerhalb eines als Einheit erscheinenden großen Bauwerks; das Verhältnis der Generationen während einer langen Bauzeit; die Ergänzung individueller, regionaler und nationaler Stile und die Bildung eines großen europäischen Zeitstiles“.[6] Das Schaubild zeigt, wie das Bauprogramm von Wissenschaft, Kunst und Handwerk ebenso beeinflusst wird, wie von den Auftraggebern und Förderern. Es zeigt, wie Vorgängerbauten und parallele Bauten auf den Bau und seinen Verlauf Einfluss nehmen und der Bau seinerseits wiederum nach und nach andere Bauten beeinflusst.

Auf einen Blick kann der Leser erkennen, wie ganz unterschiedliche Faktoren zum Erscheinungsbild dieser Kathedrale beigetragen haben. Der Pfarrer von heute kann dem religionspraktisch entnehmen, dass er bei jeder Baumaßnahme ähnlichen Faktoren unterliegt bzw. diese mit bedenken sollte: Was sagen heute Wissenschaft, Kunst und Handwerk, welche vergleichbaren Baumaßnahmen gibt es, wie ist heute das Verhältnis von Auftraggebern, Förderern und Nutzern zu denken? So stelle ich mir eine Einführung in historische Prozesse mit der Perspektive auf Gegenwart und Zukunft vor, denn so gewinnt man den Blick dafür, was wichtig ist und was bedacht werden muss.

Zum Überblick gehört schließlich auch, dass die verwendeten Grundrisse in irgendeinem Maßstabsverhältnis stehen. Günter Bindings Einführungsbuch „Was ist Gotik?“ macht das so, dass es nahezu alle Grundrisse im gesamten Buch auf das Format 1:800 skaliert.[7] So sieht man auf einen Blick, wie sich die Kirchen zueinander verhalten. Andere Bücher geben auf jedem Grundriss an, was etwa 20 Meter Länge entsprechen würde.

Dieses Wissen ist nicht überflüssig, sondern handlungsrelevant. Konkret würde etwa fraglich, ob man die architekturhistorische Vorstellung von Reims wirklich in religionspraktischer Perspektive durch Marburg ergänzen kann. Vergleicht man die Grundrisse im Maßstab wird klar, dass die religionspraktischen Überlegungen aus raum-ästhetischen Gründen in Reims ganz andere sein müssen als in Marburg.

Vergleiche ich das Grundwissen Kirchenbau alternativ mit dem Fachbuch „Meilensteine der Architektur“ von Renate Kastorff-Viehmann, das zum halben Preis mit höherer Seitenzahl und zudem gebunden angeboten wird, dann kann es damit nicht konkurrieren. Ein vergleichbares Fachbuch für den Kirchenbau steht somit noch aus. Es müsste die kirchliche Baugeschichte nach Personen, Bauten und Epochen vorstellen, ganz so wie Kastorff-Viehmann dies für die allgemeine Architekturgeschichte macht. Ergänzt werden müsste es – hier ist das Buch von Erne durchaus impulsgebend – durch die Skizze der zugrunde liegenden Theologien und die zeitgenössischen Debatten z.B. zu den liturgischen Bewegungen. Und vor allem müsste es die kirchlichen Bauprogramme dokumentieren (oder wenigsten paraphrasieren), die seit gut 150 Jahren den Kirchenbau maßgeblich mit bestimmen. All das fehlt im vorliegenden Band.

Und vor allem bedürfte es ein nach Epochen gegliedertes Literaturverzeichnis mit der aktuellen Fachliteratur in theologischer, architekturhistorischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive. Auch in dieser Hinsicht ist das Buch unzureichend. Dass im Grundwissen Kirchenbau laufend aus einem Buch zitiert wird, das erklärtermaßen für Jugendliche geschrieben wurde und eigentlich ein direktes Konkurrenzprodukt zum vorliegenden Werk ist, spricht Bände. Dann kann man sich ja gleich Johann-Hinrich Claussens Buch kaufen.

Für wen und wozu?

Das führt mich noch einmal zur abschließenden Frage: für wen und wozu das alles? Bücher dieser Art pflegen ja zunächst einmal, auch das muss man sich immer wieder vergegenwärtigen, Mythen zu bilden. Denn sie greifen aus den zigtausenden von Kirchenbauten dieser Welt einige, in der Regel repräsentative, d.h. vor allem aber ostentative Kirchenbauten heraus, um dann zu sagen: seht mal her der Kirchenbau des Christentums. So ist das aber nicht.

Der Kirchenbau des Christentums in all seinen verschiedenen Denominationen ist all das andere, es ist die Normalität der Durchschnittsgemeinde und der Durchschnittskirche. Anders als auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten und der Deutschland-sucht-den-Superstar-Mentalitäten ist im Kirchenbau das größte, bekannteste Werk keinesfalls das Beste. Wenn man keinen kirchenbaulichen Heroismus pflegen will, dann muss in der Darstellung zum Ausdruck kommen, wie sich die ostentativen Bauten der christlichen Herrscher (und das sind alle Kirchen des Buches bis zur Friedrichswerder Kirche) zu all den anderen Bauten verhalten.

Bücher wie das vorliegende könnten sich zum kirchenbaulichen Alltag wie eine theologische Dogmatik zum Glauben der Kirchenmitglieder verhalten. Aber dann müssten die ausgewählten Kirchengebäude auch theologisch vorbildlich sein.

Im Zweifel bin ich daher, ob das Buch auch die normativen Grundlagen zum Verstehen des Kirchenbaus der Gegenwart und Ideen für die Zukunft liefert. Hier fehlen mir die wichtigen Impulse, die z.B. das II. Vatikanum im Blick auf den Kirchenbau geliefert hat und die etwa Rudolf Stegers Entwurfsatlas Sakralbau vor Augen führt. Eines kann aber auch dieses Buch nicht lösen: dass die Baufrage für das Christentum mit diesem längst eine historische geworden ist. Insofern ist die sich hier ausdrückende Historisierung und Musealisierung (Tourismuskirchen) nur konsequent.

Anmerkungen

[1]    Erne, Thomas (Hg.) (2012): Kirchenbau. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht (Grundwissen Christentum, 4). S. 36. Der Verweis, den Erne an dieser Stelle auf Beyer, Geheiligte Räume, einfügt, führt insofern in die Irre, als Beyer dort keine Falschinformationen verbreitet. Vgl. Beyer, Franz-Heinrich (2008): Geheiligte Räume. Theologie, Geschichte und Symbolik des Kirchengebäudes. Darmstadt: Wiss. Buchges. S. 23.

[2]    Vgl. Mell, Ulrich (2010): Christliche Hauskirche und Neues Testament. Die Ikonologie des Baptisteriums von Dura Europos und das Diatessaron Tatians. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S. 54.

[3]    Stegers, Rudolf (Hg.) (2008): Entwurfsatlas Sakralbau. Basel: Birkhäuser. S. 13.

[4]    Goecke-Seischab, Margarete Luise; Ohlemacher, Jörg (2010): Kirchen erkunden - Kirchen erschließen. Ein Handbuch mit über 300 Bildern und Tafeln, einer Einführung in die Kirchenpädagogik und einem ausführlichen Lexikonteil: Anaconda Verlag. S. 73.

[5]    Claussen, Johann Hinrich (2010): Gottes Häuser. oder Die Kunst, Kirchen zu bauen und zu verstehen: Beck, C H.

[6]    Müller, Werner; Vogel, Gunther (1974): dtv-Atlas zur Baukunst. Tafeln u. Texte. Allgemeiner Teil: Baugeschichte von Mesopotamien bis Byzanz. München: Dt. Taschenbuch-Verl. S. 72f.

[7]    Binding, Günther; Dettmar, Uwe (2000): Was ist Gotik? Eine Analyse der gotischen Kirchen in Frankreich, England und Deutschland 1140 - 1350. Darmstadt: Wiss. Buchges.

Artikelnachweis: https://www.theomag.de/79/am414.htm
© Andreas Mertin, 2012