Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Magazin für Theologie und Ästhetik


Gut ist nur Einer, aber mit dem Zweiten sieht man besser

Die Enden der Populärkultur - Teil II

Andreas Mertin

was ist das beste buch? des heilands lehr und leben.
was macht denn einen christ? der trieb, ihm nachzustreben.
Günther

Keine Barbarei, die nicht noch gesteigert werden könnte. Das ZDF, schon einmal ausgewiesener Experte in der Sportifizierung und Nivellierung von Kultur, setzt nun, nachdem der beste Deutsche ermittelt ist, einen drauf und lässt nun das beste Buch wählen.

Das ZDF schreibt zu Anlass und Intention der Aktion: "Das ZDF möchte wissen, welche der Bücher, die in deutscher Sprache oder in deutscher Übersetzung erschienen sind, die Herzen der Leser in Deutschland erobert haben. In einer Momentaufnahme möchten wir festhalten, welche privaten Favoriten gewählt werden, jenseits der Bestsellercharts oder Kanonlisten. Zugleich ist die Sommeraktion "Unsere Besten - Das große Lesen" eine einmalige Kampagne zur Leseförderung. Partner wie der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und die Stiftung Lesen helfen mit, dass der Buchhandel, die Schulen und die Bibliotheken dabei sind, wenn es heißt: Verraten Sie uns Ihr Lieblingsbuch! Mitmachen können alle Bücherfans, die in Deutschland leben. Jeder Teilnehmer hat eine Stimme für einen Buchtitel. Gewählt werden kann per Postkarte oder im Internet. Einfach Titel und Autor auf eine Postkarte schreiben und an das ZDF schicken. Oder die Stimme im Internet unter www.dasgrosselesen.zdf.de abgeben. Gewählt werden kann im Internet ab dem 6. Juli 2004. Vom 7. Juli bis 6. August 2004 (Einsendeschluss) liegen in Buchhandlungen und in den Buchabteilungen von Galeria Kaufhof bundesweit Wahlpostkarten aus. Automatisch nehmen alle Wählerinnen und Wähler an einem Gewinnspiel teil."

Die Sportifizierung von Kultur, seit Jahrzehnten fester Bestandteil aller Medien (man denke nur an Bestsellerlisten, Talkshows, Capital-Statistiken etc.) wird zur Besinnungslosigkeit gesteigert. Und wieder ist es so, dass das ZDF Grenzen zieht: Nicht erlaubt sind Bücher, die zu Gewalt und Fremdenhass aufrufen und/oder auf dem Index jugendgefährdender Schriften stehen. Die Bibel dürfte so - nähme man die eigenen Kriterien ernst - für eine Nominierung nicht in Frage kommen. Aber sie steht schon auf der Vorschlagsliste der ZDF-Redaktion und hat - neben Goethe - sicher gute Chancen, gewählt zu werden.

Leseförderung ist das Argument, mit dem das ganze inszeniert wird. Und sicherlich sind die ausführlichen Informationen, die das ZDF rund um die 200 Vorschläge ins Internet gestellt hat, begrüßenswert. Aber was erfährt man über Literatur und Alltagskultur der Deutschen, wenn man sich die Vorschlagsliste anschaut? Dass Hera Lind und ihr Superweib sicher mal zur bevorzugten Lektüre der Bevölkerung gehört hat - aber gehört sie damit schon zur besten Lektüre? Überhaupt gibt es bei der ganzen Veranstaltung eine grundlegende Kategorienverwechslung: die zwischen dem Lieblingsbuch und dem besten Buch. Wie jeder weiß, hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. Und so ist die gesamte Veranstaltung eher etwas, was vom Lesen wegführt, als zum Lesen hinführt.

Alternativen

Von welch anderer Qualität ist da doch die Bibliothek der Süddeutschen Bibliothek, die keine Sportifizierung des Lesens betreibt (es sei denn, was den Preis des Angebots betrifft), sondern den Leserinnen und Lesern einen konkreten Lektürevorschlag für die Welt der Literatur des 20. Jahrhunderts präsentiert. Da gibt es keine Prominente, die plausibel zu machen suchen, warum man Umberto Ecos "Der Name der Rose" lesen sollte, statt dessen wird der Roman in gebundener Ausgabe unschlagbar günstig für 4,90 Euro (oder im Abonnement für nur 4 Euro) in die Hand gelegt. In diesem Sinne rate ich, statt sich bei der ZDF-Aktion zu verausgaben, die Zeit zu sparen und in die Lektüre der Bibliothek der Süddeutschen Zeitung zu investieren. Viele der guten Autoren, die beim ZDF vorkommen, sind auch in der Bibliothek der SZ zu finden. Wer sie kauft und dann kontinuierlich liest, tut mehr für die Lesekultur als 100 Sendungen des ZDF. Und so empfehle ich dieses Mal ein konkretes Angebot eines bestimmten Buchversandes: Buch24 bietet im Internet die 50 Bände der Bibliothek der Süddeutschen Zeitung versandkostenfrei für nur 196 Euro an. Wer für sich oder seine Kinder einen Grundstock der Literatur des 20. Jahrhunderts anlegen will, dem sei dieses Angebot ans Herz gelegt.


© Andreas Mertin 2004
Magazin für Theologie und Ästhetik 30/2004
https://www.theomag.de/30/am119.htm