Paradigmen theologischen Denkens

Auf der Suche nach einem für mich heute tragfähigen und sagfähigen Glauben

Stefan Schütze

1. Einleitung

Seit einiger Zeit hat bei mir ein Prozess neuen theologischen Nachdenkens und Suchens begonnen, in dem sich für mich die Fragen nach „Gott“, „Glauben“ und existentiell wie rational belastbarer „Wahrheit“ zugleich ungleich drängender und ungleich kritischer stellen, als zur Zeit meines Theologiestudiums in den 80er-Jahren und zur Zeit meiner Tätigkeit als Gemeindepfarrer von 1990 bis 2003.

Herkommend von einem evangelikal-pietistischen Glauben hatte sich mein theologisches Denken schon während meines Theologiestudiums immer mehr in Richtung auf eine größere Weite, kritischere Tiefe, und grundlegende Liberalität hin entwickelt. Zur Befreiung von bisherigen biblizistischen und fundamentalistischen Engführungen hatte mir zunächst die Begegnung mit dem theologischen Universalismus der Dialektischen Theologie, v.a. Karl Barths geholfen. Dass Gott in Christus zu uns Menschen mit unserer „Sünde“ und unserer „Freiheit“ ganz und gar Ja! und nicht Nein gesagt habe, war damals ein für mich sehr wichtiger, überzeugender und existentiell befreiender Gedanke.

Doch in meiner weiteren Entwicklung gewannen dann für mich immer stärker die Impulse der älteren liberalen Theologie im Gefolge Schleiermachers, der Korrelationstheologie Paul Tillichs, und in den letzten Jahren v.a. der modernen angelsächsischen und amerikanischen theologischen Diskurslage an  Bedeutung. Immer weniger befriedigten mich gängige, auch die meisten kirchlichen Äußerungen immer noch prägende Antworten auf die Frage nach einer heute angemessenen Rede von „Gott“, von „Jesus Christus“, und von „Offenbarung“. Ein Gott, der als himmlische „Überperson“ die Geschicke der Welt lenkt und regiert, war schon längst keine Denk- und keine Glaubensoption mehr, die für mich irgendwie überzeugend, tröstlich und verpflichtend hätte wirken können.

Doch der moderne Hype um die Thesen vom „Gotteswahn“ in den Büchern von Richard Dawkins und anderen „neuen Atheisten“ war und ist noch viel weniger eine mich existentiell und intellektuell befriedigende Alternative. Vielmehr geht es mir darum, wie man die religiösen Grunderfahrungen von „Glaube, Liebe und Hoffnung“ (1 Kor 13,13 u.v.m.), von Lebensbejahung und –mut „trotz alledem“, heute so neu buchstabieren kann, dass sie als „einziger Trost im Leben und im Sterben“ (Frage 1 Heidelberger Katechismus) hörbar und sagbar bleiben, auch wenn man im Blick auf die klassische Metaphysik von Natur und Übernatur, den mit ihr verbundenen „naiven“ Theismus, die ontologischen Vorstellungskomplexe um die chalzedonensiche Christologie und Soteriologie, und den traditionellen „Absolutheitsanspruch“ nicht nur des Christentums viele „notwendige Abschiede“[1] vollzogen hat und noch sehr viel stärker vollziehen muss.

Im Folgenden möchte ich einige Gedankenanstöße, die sich für mich aus verschiedener theologischer Lektüre der letzten Monate ergeben haben, zusammenstellen und systematisieren. Neben Büchern von Gerd Theißen, den ich, obwohl ich ihn als Student schon in Heidelberg gehört habe, jetzt erst richtig entdecke, beziehe ich mich v.a. auf Werke gegenwärtiger amerikanischer und britischer Theologen und Religionsphilosophen, deren Beiträge in der deutschen Diskussion, wie ich meine sehr zu ihrem eigenen Schaden, viel zu wenig rezipiert und aufgenommen werden. Während wesentliche Werke Theißens bezeichnenderweise heute nur noch in englischer Übersetzung auf dem Markt sind, ist ein Großteil der von mir hier angesprochenen englischsprachigen Literatur noch nicht einmal auf Deutsch übersetzt, und wenn sie von Teilen der deutschen Universitätstheologie überhaupt wahrgenommen wird, dann meist mit nach meiner Wahrnehmung sehr oberflächlichen Abwehrreflexen.

Ich habe dagegen von dieser Lektüre sehr viel profitiert, und finde sie erhellender, spannender, und sowohl gegenwartsnäher als auch theologisch sachgemäßer als das meiste, was hierzulande z.Zt. diskutiert wird. Im Folgenden will ich dennoch keinen „Literaturbericht“ erstellen, sondern vielmehr versuchen, einige Anregungen, Erkenntnisse, Glaubenseinsichten und Gedankenanstöße aufzugreifen und zu sortieren, die sich mir durch die Lektüre dieser Bücher erschlossen haben. Dabei geht es mir nicht so sehr um exakte Wiedergabe, als viel mehr um die Herausarbeitung von Impulsen, die mein eigenes Nachdenken und Fragen in der beschriebenen Weise verändert und bereichert haben.


[1]   Hier benutze ich einen programmatischen Ausdruck von Klaus-Peter Jörns, ohne mir ansonsten seine weiteren Ausführungen zu Eigen zu machen.

Artikelnachweis: https://www.theomag.de/65/sts1b.htm
© Stefan Schütze, 2010